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Plaisirklettern (?) im Alpstein

von Alfred Budenz

Im Juli waren Thomas und ich im schönen Alpstein in der Schweiz, der, begrenzt vom Appenzellerland im Nordwesten, dem Rheintal im Südosten und Toggenburg im Süden, einen eigenständigen Gebirgstock mit dem Säntis als höchste Erhebung, darstellt. Wir hatten Mittwoch Nacht in Brülisau auf der Wiese am Pfannenstiel geschlafen (Parkplatz). Ich war oft wach, weil ich dem Wetter nicht getraut habe. Aber es hat erst angefangen zu regnen, als wir morgens in aller Frühe aufgestiegen sind und erst wieder nachmittags aufgehört. So haben wir erst mal bei Maria Reiser gefrühstückt, die die Hundsteinhütte des SAC zusammen mit ihrem Mann bewirtschaftet. Ich bin seit dem Frühsommer 2002 vier mal hier gewesen, ich fühle mich schon fast wie Zuhause – vor allem mit Maria , die gerne auch mal ein Schwätzchen hält, herrscht ein fast familiärer Ton. Danach habe ich mich ins Lager gehauen und bei der Musik des strömenden Regens ein Schläfchen gehalten.

Thomas hat unterdessen den Kletterführer auswendig gelernt. Als es aufhörte zu regnen sind wir zur Fählenalp gelaufen, die etwa eine halbe Stunde entfernt liegt, haben den neuen Käsejahrgang (Ziege u. Kuhkäse) probiert und mit Johann, dem Senn, gescherzt (er wollte uns weismachen, dass die Schweine beim Alpabtrieb durch den See zurück schwimmen). Als wir uns in die Stube gesetzt haben, sahen wir, dass dort schon ein Kletterkurs der AV Sektion Hannover saß, deren Leitung Thomas ziemlich gut kannte. Einer von beiden war Markus Hutter, ein gebürtiger Schweizer, der in Hannover lebt, und im Alpstein viele Erstbegehungen und auch extreme alpine Routen eröffnet hat. Zum Beispiel “La liberté d'être heureux” in der Hundstein Südwand (7c). Die Welt der Kletterer ist klein.

Am Freitag war das Wetter klasse, wir haben zuerst die Roestiraffle (5b), eine schönen Route am Fähnligipfel gemacht. Eine Seillänge Wasserrillenkletterei hat ihr den Namen gegeben, und man sollte nicht fallen, denn der ultrarauhe Fels würde eine grausige Rösti produzieren. Die Absicherung ist super, wie in allen Routen im Klettergarten an den Witteralpstöcken. Dieser Sektor ist in maximal 1 Stunde von der Hütte aus zu erreichen. Danach sind wir noch das Neue Südplattli (5c+) angegangen. Thomas hat auch tatsächlich alle Haken gefunden, die auf dem Topo eingezeichnet sind. Wir hatten im letzten Jahr den Fehler gemacht zu tief gequert zu haben. Die Tour geht 5 m höher vorbei und ist eigentlich sehr schön. Es gibt zwei harte 5c+ Stellen, die aber super gesichert sind. In der letzten Länge haben wir uns dann leider in den Latschen verlaufen. Das hat etwas gedauert und wir sind dann zu spät zum Abendbrot gekommen. Maria hat etwas geschimpft. Als sie gehört hat dass wir am nächsten Tag die Hundstein-Südverschneidung angehen wollten, hat sie uns verziehen, unter der Bedingung das wir ein neues Wandbuch in der Tour hinterlegen. Ich fand das toll, Thomas hatte erst die Befürchtung, das das Buch die Dimensionen einer Bibel haben könnte.

Morgens war das Wetter supertoll, und nachdem wir das vokabelheftgroße Wandbuch eingesteckt hatten sind wir losgelaufen. Schon auf dem Weg zur Fählenalp sind wir fast geschmolzen, und das “Mörderwägli”, der steile Zustieg zur Hundstein Südwand und Freiheit, hat dann seinem Namen wieder alle Ehre gemacht. Wir mussten an jeder schattigen Ecke anhalten, sonst wären wir vor Hitze verendet. Ich hatte für mich die Aktion eigentlich schon abgehakt, weil die Route schon mit einer 5c Passage anfängt und durchweg südexponiert ist. Am Einstieg angekommen, mussten wir aber warten, weil schon zwei Seilschaften vor uns waren. Die erste Länge von der “Alten Südwand” ist sozusagen die Eintrittskarte auch für alle anderen Routen in der Südwand. So hatten wir genug Zeit um uns zu regenerieren, und das Abenteuer konnte beginnen. Es ist wirklich eine sehr eindrückliche Tour. Mir war vorher nicht klar, was athletische Kletterei bedeutet – jetzt weiss ich es. Die ersten drei Längen sind eher gemütlich bis grasig, aber wenn man in den Grund der Grossen Verschneidung kommt, ist das Ganze fünf Seillängen durchgehend senkrecht bis abdrängend. Dazu kommt, dass man alles was leichter als 5a ist, selber absichern muss, und man hätte manchmal gerne drei Arme: Einen zum Keile legen und zwei Arme um sich festzuhalten. An der Schlüsselstelle (5c+) sitzt einen grosses Dach über der Verschneidung, an dem man links vorbei klettert. Wenn man unter dem Dach herausklettert, hat man ungefähr 180 m Luft unter dem Hintern.

Danach haben wir das neue Wandbuch in seine Kassette gelegt, nachdem wir uns als Erste eingetragen hatten. Es ist wunderbar, wenn man immer höher kommt und der Blick sich nach und nach bis zum Alpenhauptkamm öffnet. Wirklich eine Traumtour, aber für meine momentane Kondition absolut die Obergrenze. Trotz der südseitigen Ausrichtung hatten wir die ganze Zeit ein kühles Lüftchen, und im oberen Wandteil bot uns eine der Flanken der Riesenverschneidung, in deren Grund man klettert, Schatten. Thomas ist wirklich super in den schweren Längen geklettert; er meinte hinterher, dass er sich gar nicht mehr erinnern konnte wie die Stellen gewesen sind, weil er so beansprucht war. Am Gipfel haben wir bestimmt eine Stunde in der Sonne gesessen, und unsere Tat genossen, bevor wir über den Wanderweg in reichlich einer Stunde zur Hütte abgestiegen sind.

In der Nacht von Samstag auf Sonntag war die Hütte dann total überfüllt, so dass ich nachts aus dem Lager geflüchtet bin und vor der Hütte auf dem Tisch geschlafen habe. Am Sonntag sind wir zu einer Wanderung über die Saxer Lücke zum Hohen Kasten aufgebrochen, was aber bei der glühenden Hitze, dem schweren Gepäck und den Heerscharen von Wanderern die unterwegs waren, der reinste Wahnsinn gewesen ist. Nach vier Stunden sind wir dann mit puddingweichen Beinen beim Auto angekommen, und nach kurzer Fahrt und einem Roesti-Mittagessen hat Thomas mich dann in Lindau am Bahnhof abgesetzt.

Der Alpstein ist wirklich ein ganz tolles Gebiet, welches Kletterern aller Ausrichtungen, von “superplaisirgesichert” bis “Alpinschocker” viel zu bieten hat. Auch wenn man einen Aufstieg von Parkplatz in Brülisau von zwei Stunden zu erledigen hat, ist das Gebiet auch für Familien mit Kindern geeignet, man kann am Fählensee und -alp jede Menge mit Kindern unternehmen, und auch Wanderer kommen auf ihre Kosten.

Hundsteinhütte:

Karten:

Literatur:

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