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Entscheidung in den Anden

Eisblau zieht die Nacht von Westen her über dem Altiplano auf. Fast zweitausend Meter unter uns versinkt das Kobaltblau des Titicacasees allmählich im Dunst und ein letztes Mal leuchten die Kegel des Büßereises vor unserem Zelt in einem zarten Orange, dann wird es dunkel. Und kalt. Im Zelt jedoch ist es mollig warm, schließlich hausen wir zu dritt darinnen:

Alec aus Neuseeland, Michel und ich. Während Zwei schon die daunige Wärme des Schlafsacks suchen und genießen dürfen, kümmert sich der Dritte noch um Tee und Suppe. Schokolade wird geteilt, Teedampf durchwabert das Zelt, der Kocher summt, Behaglichkeit macht sich breit. Wenn dann die Kopfschmerzen noch verschwinden...

Der Tag war wundervoll: früher Aufbruch, hartgefrorener Firn, Wegsuche im Gletscherbruch und Markieren des Weges für eine kleine Gruppe amerikanischer Bergsteiger (eine Gefälligkeit, die wir den älteren Herrschaften gerne erweisen). Alle 30m markiert nun ein Bambusstöckchen unseren Pfad durch die atemberaubende Weite und Einsamkeit der bolivianischen Anden. Nach Erreichen des Plateaus, auf dem die Gipfelpyramide fußt, nur noch 3 Stunden entfernt vom Gipfel des Ancohouma, dann die Erkenntnis: Alec ist nicht richtig akklimatisiert, wir werden heute verzichten müssen. Leichten Herzens steigen wir durch das unendliche Blau des Andenhimmels wieder hinab in's Hochlager auf dem Gletschereis (Großzügigkeit fällt leicht, wenn man am nächsten Tag eine zweite Chance weiß!) und verbringen den Rest des Tages mit kochen, essen, trinken. Morgen werden dann Michel und ich einen neuen Versuch unternehmen.

Es dauert eine ganze Weile, bis ich eine einigermaßen erträgliche Schlafposition zwischen Michel und Alec gefunden habe. Die Plattform, die wir aus dem Eis gepickelt haben, ist, obwohl dem Himmel sehr nahe, doch kein Himmelbett. Und wir tragen alle seit Tagen Kunstfaserwäsche... also auf den Rücken drehen, Entfernung der Nase zu den Kameraden maximieren. Da aber meldet sich der trockene Husten, den ich seit einigen Tagen mit herumschleppe, und zwingt mich auf die Seite, zu Michel hin; den kenne ich schon länger! Die Kopfschmerzen werden auch nicht besser davon, aber eine Mütze Schlaf wird sie schon vertreiben! Der aber läßt auf sich warten. Ein wenig gedöst, aber schlafen kann man das nicht nennen. Probieren wir es doch mal mit der anderen Seite. ... Auch nicht besser, ein Eisbollen drückt sich allmählich in meine Hüfte. Ein Blick auf die Uhr belehrt mich, daß dies gar nicht schlimm ist; in einigen Stunden schon werden wir wieder unterwegs sein, in Richtung 6500m. Dies ist das große Ziel unserer Reise. Morgen wird es sein! Wir werden auf dem Gipfel stehen, der uns schon so lange beschäftigt, dessen Name unsere Sehnsucht geweckt hatte, dessen leuchtender Anblick uns gelockt und erregt hatte, seit wir ihn das erste Mal sahen vom Boot auf dem Titicacasee. Einige Stunden später, immer noch schlaflos. Kopfschmerzen und Husten sind heftiger geworden. „Wenn das so weitergeht,...” ich denke den Gedanken nicht zu Ende, versuch's mal wieder auf einer der anderen Seiten. „Wenn das so weitergeht, dann...” da ist er wieder. Aber ich weigere mich, jage ihn durch das Fliegengitter des Zeltes hinaus in die windige Kälte und denke lieber an die Abenteuer und Erlebnisse unserer Reise, spüre nochmals den Zauber Macchu Picchus , lasse mir den Wind der Andenbahn um die Nase wehen, höre das Klatschen der Wellen am Bug unseres Bootes auf dem See, fühle das Vibrieren der Steigeisen im Gletschereis der Condoririgruppe, pulse mit der Menschenmenge durch La Paz und gebe mich diesem einzigartigen Gefühl von Weite, Müdigkeit, Glück und Dankbarkeit am Gipfel des Potosis, unseres ersten Sechstausenders hin. Der Gedanke aber ist hartnäckig und läßt sich nicht abschütteln, taucht wieder auf und gewinnt an Stärke! Abends einmal Kopfschmerzen zu haben, daran waren wir gewöhnt. Bisher waren sie noch jedesmal mit dem Schlaf verschwunden. Das heute aber ist irgendwie anders.

Dabei hatten wir uns so gewissenhaft vorbereitet: trainiert, geübt, geträumt, gelesen, ausgerüstet, akklimatisiert. Hatten uns langsam in der Condoririgruppe an die Höhe herangetastet, hatten mehrfach über 5000m Höhe biwakiert und uns schließlich am Potosi geprüft; sogar unter erschwerten Bedingungen, denn der Kocher hatte beim Schneeschmelzen den Geist aufgegeben. Da wird mich doch so ein kleiner Husten nicht aus der Bahn werfen! Und außerdem konnte ich vor 2 Tagen noch ganz gut 40 Kilo von der alten Goldmine ins Basislager am Gletschersee tragen. Und wenn es vernünftiger wäre...? Ach was, jetzt wird nicht geschwächelt; wahrscheinlich hast Du bloß Angst vor dem Gipfelhang, wärst wohl froh, wenn Du da nicht hinaufmüßtest, was? Aber vielleicht wäre es wirklich vernünftiger? Blödsinn! Und außerdem, was wird Michel sagen? Schon zweimal hatte ich ihm aus Vernunftgründen einen Gipfel verwehren müssen: wir wären den Eisverhältnissen am Alpamayo Chico und am Condoriri Central nicht gewachsen gewesen... Und jetzt auch noch den Ancohuma? Ab und zu huste ich ein wenig in der Nacht herum, alle Stunde muß einer vors Zelt, und geschlafen habe ich immer noch nicht. Es wäre wirklich vielleicht vernünftiger. Vor 5 Tagen noch hatte ich über die Leichtfertigkeit geschimpft, mit der bolivianische Bergführer Kunden auf den Potosi bringen wollten. Die jungen Leute waren erst zwei Tage im Land ...Heute aber muß man die Situation etwas differenzierter betrachten:

Noch etwas Schlaf, dann früh los und langsam aber stetig durchziehen! Am Gipfelgrat noch einmal sauber konzentriert und dann ..., dann auf einmal, als irgend jemand das eiserne Band um meinen Schädel noch etwas fester zieht, fällt die Entscheidung doch ganz leicht: morgen werden wir nicht hinauf, sondern hinab steigen!

Es geht nicht ohne Wehmut und manchen Blick zurück. Und etwas öfter als eigentlich nötig halten wir an, um uns im Eisbruch zu orientieren. Es dauert lange, sich von diesem wunderbaren Berg zu lösen und zu akzeptieren, daß der Traum von einer Besteigung ein Traum bleiben wird. Da tröstet auch das Einfügen des kleinen Wörtchens „zunächst” einstweilen nur wenig. Trostreicher hingegen sind da schon die Worte Michels: „Wenn wir Göran Kropp dafür bewundern, daß er 100m vor dem Gipfel des Everest umkehrte als er merkte, daß er zu spät dran war (Göran war immerhin mit dem Fahrrad von Schweden an den Berg geradelt!), dann dürfen wir schon auch ein kleines bißchen mit uns zufrieden sein, wenn wir nun wieder...„ Und Alec zitierte zum etwa 47. Mal die goldenen Regeln seines Kletterclubs:

  1. Come back alive!
  2. Come back friends!
  3. Climb the mountain!

Hans-Georg Schäfer

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