Gletscherausbildung kompakt
mit Gipfeltouren für Wieder-/-Einsteiger
in der Schweiz (5.8.06 – 11.8.06)
von Georg Sieder
Ursprünglich war diese Ausbildungs- und Tourwoche in den südlichen Stubaiern geplant, aber kurzfristig wurde dann entschieden in die Schweiz zu fahren. Insgesamt waren wir zu sechst, fünf (Andreas B., Georg K., Bernd Wolfgang und Andreas W.) vom Alpinclub Hannover und ich als „Externer“ (Georg S.) vom DAV Mannheim.
Für Samstag stand nur die Anreise und Kennenlernen auf dem Programm. Als Treffpunkt war unterhalb des Sustenpasses das Hotel Steingletscher (1865 m) vereinbart worden. Um 16.30 Uhr waren fast alle angekommen, ein Nachzügler kam erst zu später Stunde gegen 23 Uhr nach. Auf der Fahrt hatte ab dem Südlichen Schwarzwald der Regen die Oberhand gewonnen, so dass zunächst alle etwas skeptisch die Wettervorhersagen für die nächsten Tage studierten. Eine kurze Regenpause wurde zu einem Spaziergang zur Gletscherzunge des Steinberggletschers genutzt. Nach dem Abendessen wurde die Ausrüstung an alle verteilt, Steigeisen und das Gurtzeug angepasst.
Nachdem am Sonntagmorgen das Wetter weithin sehr feucht war, wurde das Frühstücksbuffet im Hotel Steingletscher bis ca. 11 Uhr ausgiebig genutzt, unterbrochen von etwas Ausrüstungskunde a la Pit Schubert. Gegen Mittag wechselten wir dann in den Aufenthaltsraum des Chalet Ochsen. Dort wurden die Kenntnisse in Sachen Knoten und Spaltenbergung aufgefrischt. Da am Nachmittag der Regen etwas nachgelassen hatte, wurde kurzentschlossen der Aufstieg zur Tierberglihütte (2795 m) „befohlen“. Um den Weg etwas abzukürzen, wurde mit zwei Autos bis zum Parkplatz am Umpol gefahren. Von dort ging es dann durch Regen und Schneeregen in 1,5 – 2 h auf die Tierberglihütte. Nach dem reichhaltigen Abendessen und gemeinsamen Schmökern in Pit Schubert gingen wir in unser gemeinsames Lager. Besonders zu erwähnen war dabei die Honeymoon-Suite von Bernd und die Diskussion Fenster auf oder zu.
Der erste Blick am Montagmorgen verhieß nichts Gutes, weiterhin hatte Petrus kein Einsehen mit uns. Nach dem Frühstück gegen 7.00 Uhr stand eine weitere Runde Spaltenbergung in der Gaststube an. Nachdem jeder alle Positionen durchgespielt hatte, entschied Wolfgang jetzt geht’s an eine reale Spalte egal welches Wetter herrscht. Trotz Regen und Schnee waren immerhin 5 von 6 dabei. Eine geeignete Spalte wurde auch nach ca. 20 min gefunden und es konnte mit der Spaltenbergung los gehen.
Zunächst wurde der Mannschaftszug als einfachste und schnellste Variante geübt. Dann ging es an die Spaltenbergung für eine Dreierseilschaft mit Flaschenzug. Nach der verspäteten Mittagspause wurde die Wetterbesserung sofort genutzt, um am Nachmittag noch den Vorderen Tierberg (3100 m) zu besteigen. Die Aufstiegsspur war glücklicherweise durch einen FÜ-Kurs (DAV) gespurt worden, so dass der Vordere Tierberg bereits nach 1 h erreicht war. Auch das Wetter wurde zunehmend besser die ersten Flecken blauer Himmel waren schon zu erkennen.
Zurück auf der Hütte erwartete uns die nächste Überraschung. Die Hüttenwirtin Trudi spendierte uns zwei Flaschen Wein, um den ersten Gipfelerfolg begießen zu können. Nach dem Abendessen mit Nachschlag stand noch eine kleine Ausbildungseinheit in Sachen Orientierung und Umgang mit Karte und Kompass an. Da für den nächsten Tag eine deutliche Wetterbesserung angesagt war, lautete die Planung für den nächsten Tag Besteigung des Sustenhorns (3500 m).
Nach einer deutlich wärmeren Nacht im Lager - die Fraktion „Fenster zu“ hatte sich durchgesetzt – wurde am Dienstagmorgen gegen 5.30 Uhr gefrühstückt. Bei recht guten Wetter waren alle gegen 6.30 Uhr Abmarsch bereit. In zwei Dreierseilschaften ging es auf den Gletscher. Das erste Ziel lautete Sustenlimi, das wir eigentlich laut Führer in 1,5 h erreichen sollten. Aufgrund der Schneeauflage, die über Nacht nicht ausreichend durchgefroren war, war der Aufstieg zum Sustenlimi ziemlich anstrengenden. Nach ca. 2,5 h war das Sustenlimi erreicht und der eigentlich Anstieg (Firnhang) zum Sustenhorn ging los. Den Gipfelhang mit 35 ° war mit Steigeisen ebenfalls problemlos zu bewältigen. Am Gipfel pfiff der Wind ziemlich heftig, so dass nach dem Gipfelfoto und dem Eintrag ins Gipfelbuch die Gipfelrast in 50 m tiefer verlegt wurde. Der Abstieg über den Gipfelhang erfolgt in der Falllinie (in John Wayne Manier) bis wir dann am Sustenlimi die Steigeisen wiederablegen konnten. War bereits beim Aufstieg der eine oder andere in eine Spalte getreten, durfte auf dem Rückweg jeder einmal das Gefühl haben mit einem Fuß ins Leere zu treten. Der Schnee wurde immer weicher und tiefer, so dass gegen Mittag alle mit mehr oder weniger nassen Schuhen die Hütte ereichten. Auf dem Programm stand noch etwas Ausbildung (Abseilen, Flaschenzug bauen) und Trudi spendierte uns auch für unseren zweiten Gipfelerfolg zwei Flaschen Wein.
Nach dem Abendessen, diesmal sogar mit Kuchen als Nachtisch, wurde diskutiert, was für Touren für die nächsten Tage möglich sind. Der ursprüngliche Plan nach Grindelwald zu fahren wurde wegen der schlechten Wettervorhersagen für das Berner Oberland gleich gestrichen. Als Alternative bzgl. Wetter blieb das Wallis noch übrig. Letztendlich wurde entschieden ins Saastal zu fahren.
Am Mittwochmorgen hieß erst einmal Abschied nehmen von der Hüttenwirtin Trudi. Die letzten beiden Tagen waren wir die einzigen Gäste, die auf der Hütte übernachten hatten. Nach einem zügigen Abstieg erreichten wir wieder die Autos auf dem Parkplatz am Umpol. Am Hotel Steingletscher nutzen wir die Chance auf eine Dusche und das Umpacken der Rucksäcke. Über den Grimselpass fuhren wir ins Rhone-Tal, und erreichten nach einem kurzen Stop in Visp Saas-Fee. Den Aufstieg zur Britannia-Hütte verkürzten wir durch den Alpin-Express, der uns zum Felskinn (3000 m) transportierte. Auf dem Weg vom Felskinn zur Hütte machten wir uns noch als Lastenträger (Brot und Wurst für die Britannia-Hütte) verdient. Der Unterschied zur Tierberglihütte war riesig, dort unsere private Hüttenwirtin und hier nun mit 120 weiteren Alpinisten auf der Hütte.
Gegen 18.30 Uhr hieß es Essenfassen in der vollen Gaststube. Das Ziel für den nächsten Tag hieß Strahlhorn (4190 m), das bedeutete Frühstück um 3.30 Uhr, folglich lagen wir alle gegen 21.30 Uhr im Lager.
So etwas nennt man nun Urlaub, Aufstehen um 3.15 Uhr. Aber wir wollten es ja nicht anders. Für Andreas B. und mich wäre es immerhin der erste Viertausender. Gegen 4.20 Uhr machten wir uns zu fünft auf den Weg zum Strahlhorn, Georg K. entschied sich wegen einer Erkältung und Höhenproblemen auf der Hütte zu bleiben. Mit der Stirnlampe ging es zunächst abwärts zum Hohlaubgletscher, der überquert wurde. Anschließend ging es noch immer im Dunkel durch Blockwerk zum Allalingletscher, der uns zum Strahlhorn führen sollte. Die Wetterbedingungen waren sehr gut, der Mond stand am Himmel und unterstützte unsere Stirnlampen. Nachdem etwas schwierigen Start durch das Blockwerk ging es danach zügig, vielleicht etwas zu zügig, über den Gletscher in Richtung Adlerpass. Am Adlerpass (3800 m) geht es dann auf dem Grat zum Gipfel des Strahlhorns. Dem schnellen Aufstieg zum Adlerpass mussten einige etwas Tribut zollen, so dass die letzten 300 Höhenmeter mit reduziertem Tempo angegangen wurden. Aber wir erreichten alle den Gipfel und konnten die Aussicht auf die umliegenden Viertausender genießen. Nach kurzer Rast auf dem Gipfel (windig und kalt) ging es an den Abstieg. Dabei wurde uns erst bewusst wie lange der Auf- und Abstieg war, auf jeden Fall waren wir alle froh, als wir wieder das Blockwerk erreichten. Im Gegensatz zum morgendlichen Aufstieg wählten wir jetzt den Sommerweg, um zur Britannia-Hütte zurück zu kommen. Am Einstieg zum Blockwerk trafen wir noch einige Seilschaften, die das Fluchthorn bestiegen hatten. Nach ca. 10 h waren wir zurück auf der Britannia-Hütte.
Für den letzten Tag wurde als Ziel das Allalinhorn mit der Option Überschreitung des Alphubels ins Auge gefasst. Das Wetter sollte am Freitagmorgen noch stabil bleiben. Andreas B., Bernd und Georg K. entschieden sich am nächsten Tag nicht mit auf Gipfeltour zugehen sondern als Turnschuhtourist Saas-Fee unsicher zu machen. Für die drei verblieben Gipfelaspiranten hieß es dagegen wieder früh zu Bett gehen und abermals um 3.30 Uhr aufzustehen. Nach dem üblichen Prozedere in der Frühe nahmen wir am Freitagmorgen zu Dritt (Andreas W., Wolfgang, Georg S.) die Tour zum Allalinhorn über den Hohlaubgrat in Angriff. Mit uns bzw. kurz vor uns starten weitere Seilschaften mit dem Ziel Allalinhorn. Im Gegensatz zu den anderen Seilschaften, die direkt über den Hohlaubgrat aufstiegen, stiegen wir zunächst auf dem Hohlaubgletscher bis ca. 3300 m auf. Das Wetter war deutlich schlechter als am Tag zuvor und es setzte bereits gegen 5.00 Uhr leichter Schneefall ein. Am Einstieg zum Grat (3300 m) rissen die Wolken glücklicherweise auf, so dass wir die Spur unserer Vorgänger finden konnten. Der Grat präsentiert sich bis zu einer Höhe von 4000 m als Firn und Eishang mit bis zu 40°. Zum Teil piff ein gar heftiger Wind über den Grat, Andreas fühlt sich an die winterlichen Verhältnisse in Norwegen erinnert. Bei 4000 m erwartete uns die Felsstufe, das letzte Hindernis zum Gipfel. Wolfgang stieg die Felsstufe vor und sichert uns beide. Nach der Felsstufe waren es nur noch wenige Meter zum Gipfel. Neben uns kamen noch zahlreiche Seilschaften, die den Aufstieg vom Mittelallalin (3500 m) gewählten hatten. Typischerweise wird diese Tour von Touristen gebucht und die Bergführer ziehen mit ihren Karawanen (6 – 8 Personen pro Bergführer) vom Mittelallalin auf den Gipfel. Einige Meter unterhalb des Gipfels machten wir kurz Rast. Das Wetter war inzwischen schlechter geworden, wir waren komplett von Wolken umhüllt und es schneite. Aufgrund dieser Bedingungen entschieden wir uns zum Mittelallalin abzusteigen und von dort mit der Bahn nach Saas-Fee zurückzufahren.
Der Weg zum Mittelallalin glich einer Autobahn und war sogar durch Fähnchen markiert. Auf den letzten Meter mussten wir das Sommerskigebiet durchqueren. Bereits hier wird einem klar, die Zivilisation hat uns zurück. In Saas-Fee trafen wir uns in einem Cafe mit unseren drei Touristen. Nach dem Mittagessen traten wir die Heimreise an (Andreas B., Wolfgang, Georg S.) und der Rest macht sich auf den Weg zu einer Party im Berner Oberland.
Fazit: Trotz nicht perfekten Wetterbedingungen eine erlebnisreiche Woche in den Schweizer Alpen mit einer guten Mischung aus Ausbildung und Touren.






