Der etwas andere Vatertagsausflug oder “Männertag im Elbsandstein”
Bisher hatte ich es nie weiter östlich als bis Dessau geschafft, und ich war schon sehr gespannt. Wir fuhren zu viert vom Hannoverschen AlpinClub ins Elbsandsteingebirge oder die “Sächsische Schweiz”. Wir vier, das waren Michael, Thomas, Torsten und ich, zufällig vier Männer, zufällig am Vorabend zu Christi Himmelfahrt, der ja auch als Vatertag oder neuerdings für Nicht-Väter auch als Männertag gefeiert wird; und ausgerechnet war unser Ziel die unmittelbare Umgebung der “Bastei”, berühmt-berüchtigt von letztjährigen Vatertags-Krawallen aus der rechtsextremen Szene.
Mitten in der Nacht kamen wir an der Elbe an. Die sahen wir aber erst am nächsten Tag. Unser Schlafplatz, am Rand des Elbetals, war die Boofe unter den Felsen des Rauensteins bei Weißig. Ich hatte meine Stirnlampe vergessen, und so stolperte ich dann im Dunkeln die 200 Meter vom Auto zur Boofe über den wurzelreichen Pfad durch den Wald. Wie schön, daß schon eine Gruppe vor uns dort Feuer angemacht hatte! Bei rauchigem Flammenschein – das Holz war ein wenig feucht und der Wind, natürlich in unsere Richtung, war kräftig – und trockenem Rotwein fand der Abend einen angenehmen Ausklang.
Alle anderen schliefen noch, als mich das morgendliche Vogelkonzert aus dem Schlafsack riss. So stieg ich dann auf dem steilen Treppenpfad zur Gaststätte auf dem Rauenstein-Gipfel, die ich zu dieser Stunde einsam und verschlossen vorfand. Vom Gipfelplateau dahinter gab es eine herrliche Aussicht auf Berge, Felder und Dörfer.
Zurück in der Boofe, genossen wir bei Sonnenschein das Frühstück mit dem typischen Knirschen beim Kauen – keine richtige Boofe ohne Sand in allen Ritzen! (Die vom Wind überallhin verteilte Feuerasche knirschte übrigens nicht!)
Darauf ging's hinunter in den Rathener Elbe-Bogen – mit dem Auto allerdings nur bis zum (kostenpflichtigen) Parkplatz an der Fähre, denn die andere Elbe-Seite ist für nichteingeborene Autofahrer tabu. Die vielen Gruppen auf der Fähre und in Rathen ließen die Männertagsausflugslust schon erahnen…
Wir stiegen dann, den Weg in Richtung Felsenbühne-Freilichttheater nehmend, zum Fuß des Kleinen Wehlturms auf. Dort stieß dann auch Hajo zu uns, ein Freund von Michael, mit dem wir uns verabredet hatten. Unser erstes Tourenziel war die Besteigung des Kleinen Wehlturms über die SO-Wand, nach sächsischer Schwierigkeitsbewertung 5. Die Wand sah beeindruckend aus, 70 Meter hoch und durchgehend senkrecht. Ich war gespannt auf die Kletterei. Schließlich hatte ich mich von Thomas ein wenig dazu überreden lassen, zum Klettern ins Elbsandstein mitzufahren. Ich war nicht sicher, ob die Kletterei in dem für mich fremden Gebiet mit seinen eigentümlichen Kletterregeln für mich nicht durchweg zu schwer sein würde…
Der Kleine Wehlturm liegt unmittelbar benachbart zu den Felsen der “Bastei”. Das hieß vor allem an einem so sonnigen und besonderen Tag wie diesem, unter den neugierigen Blicken hunderter Augenpaare von hinter den Brückenballustraden und Geländern zu klettern.
Diese exponierte Lage der Kleinen Wehlturm-SO-Wand hatte aber für diesen Tag noch weitere Akteure angelockt: eine Gruppe von sieben sächsischen Kletterern war zur Feier des heutigen Männertages schon vor uns in die Wand eingestiegen; in voller Montur, mit schwarzer Stoffhose, gebügeltem weißem Hemd, Fliege, Jackett und Mütze oder Hut – ganz dem Stil der Kletterpioniere des ausgehenden 19. Jahrhunderts nachempfunden – aber doch immerhin mit moderner Seiltechnik, durchkletterten sie die Wand.
Extreme Vatertagsrituale waren mir in dieser Art auf jeden Fall tausendmal lieber als Randale aus der Nazi-Szene oder von Gruppen besoffener Halbstarker. Den Hütern der Ordnung bestimmt auch, die an diesem Tag und Ort starke Präsenz zeigten; mehrfach wurde das Gebiet von einem Polizeihubschrauber überflogen, und auch in Rathen war Polizei und Bundesgrenzschutz vertreten. Am Ende des Tages bestand zumindest für uns die Bilanz auch nur im (unpolitischen) Schreien und Gröhlen einiger entfernter alkoholisierter Gruppen.
Als Erster unserer Männerrunde stieg Torsten in die Wand, nachdem die Route frei geworden war. Für mich war es weiter spannend; nach Michael folgte Thomas als zweiter Vorsteiger, mit Hajo und mir in einer Dreier-Seilschaft, wobei ich den Schluß bildete. Es dauerte alles sehr lange, vor allem wegen der Zwischensicherungen. Der einzige fixe Sicherungspunkt in der Wand ist der Ring für den Standplatz in der Wandmitte. Torsten und Thomas hatten Mühe, Köpfl- und Knotenschlingen zu legen, die ihnen ausreichend Sicherheit geben – nur gut, daß wir so mutige Vorsteiger haben!
Für mich bleibt die sächsische Sicherungstechnik suspekt und ich weiß nicht, ob ich jemals hier vorsteigen werde!
So stand ich immer noch wartend am Wandfuß, als Torsten und Michael schon wieder vom Gipfel abgeseilt kamen. Schön war es dann, endlich einsteigen zu dürfen. Und bis auf die ersten etwas sandkastenartigen Meter entpuppte sich der weitere Routenverlauf als wunderbare Genußkletterei an festem und rauhem Fels. Zu rauh für mein linkes Knie, wie sich herausstellen sollte: eine leichte Berührung mit dem Sandstein reichte für eine blutige Perforation der Haut. Aber wer hier mit kurzer Hose klettert, ist selbst in Schuld!
Jedenfalls machte mir die gute Reibung und Haftung das Stehen und Weiterkommen am Fels leicht, und nun war ich froh, mitgefahren zu sein und das Klettern im Elbsandstein ausprobiert zu haben. Nach dem Gipfel mit Eintrag ins Buch und dem weniger schönen schrubbeligen Abseilen durch Kamine mit einigen tückischen Stellen war dann – zurück am Wandfuß – der Nachmittag soweit fortgeschritten, daß uns für diesen Tag nur noch der Abschluß mit einem zischenden Kaltgetränk im Biergarten an der Elbe blieb.
Für Freitag Morgen, nach einer weiteren Boofe am Rauenstein, hatten wir uns mit Hajo im Bielatal verabredet, Klettern an den Herkulesfelsen war angesagt. Das Wetter spielte denn auch noch den ganzen Tag mit, und so wurden einige schöne Touren möglich:
Thomas und ich kletterten zuerst die “Bequeme Variante” (6 nach sächsischer Schwierigkeitsbewertung) am Herkuleskopf. Das Bequeme daran war ziemlich relativ, nur zu sehen im Verhältnis zum noch mehr überhängenden direkten Einstieg! Torsten und Thomas machten dann am Vorderen Schroffen Stein die Direkte Westkante (7a), sehr empfehlenswert! Währenddessen bestiegen Hajo, Michael und ich den Schraubenkopf auf dem Alten Weg (4), eine wunderbare Kante ohne viel Mühe, hervorragend für Anfänger und weniger extreme Kletterer!
Schwieriger, aber für die Bewertung (7a) erstaunlich gut zu klettern war die Südkante an der Sonnwendwand, an der Schlüsselstelle mit einigen Zügen auf Reibung. Für alle war diese Tour der Ausklang, Torsten und Thomas hatten zuvor noch den Schiefen Turm über die Ostkante (7a) gemacht.
Zufrieden fuhren wir dann an diesem Freitagabend in verschiedene Richtungen, Hajo und Michael nach Hause, Torsten, Thomas und ich von dort ins Fränkische; aber das ist eine andere Geschichte…
Georg Klein-Horrix





