Im Boulderparadies Fontainebleau
von Torsten Schäfer
Nach den lustigen, motivierenden Erfahrungen des Winters beim AC-Boulder-Wettkampf in der Waldorf-Kletterhalle sowie draußen am Pferdestall/Ith und im Treppensteingebiet/Okertal hatte auch uns (Thomas, Martin, Paul und mich) das Boulder-Virus vollends erwischt. So infiziert wiesen unsere Planungen für einen Kletter-Kurztrip über die Pfingstage diesmal folgerichtig nach Fontainebleau unweit südlich von Paris, dem Bouldermekka in Europa.
In der weiträumigen Waldregion rund um die Kleinstadt Fontainebleau gibt es unzählige herumliegende Sandsteinblöcke, die in mehreren Teilgebieten verstreut großenteils zu ca. 200 sogenannten Boulderparcours zusammengefaßt sind. Diese meist aus 30–40 Boulderproblemen bestehenden Parcours sind in unterschiedlichen Farben entsprechend einem bestimmten Schwierigkeitsbereich gekennzeichnet. Man kann sich dann wie auf einem Trimm-Dich-Pfad mit Hilfe des Kletterführers der Reihe nach durch so einen Circuit bewegen oder sich einfach nach optischem Eindruck an jedem schönen Fels versuchen egal wie schwer angegeben.
Schon bei den ersten Aufwärmversuchen in “leichten” Bouldern (die Fontainebleau-Skala reicht von 1a für Kinder bis 8b+ für Cracks) wird uns klar, daß bei der hiesigen Kletterei nur wenig mit uns aus dem Ith vertrauten Techniken zu gewinnen ist. Griffe, die diesen Namen verdienen, also Henkel zum daran Ziehen sucht man meist erfolglos. Als Behelf dafür gilt es in der Regel, mit gefühlvollen Handauflegern zu operieren. Auch für die Füße gibt's häufig nur abschüssige Tritte oder unscheinbare Dellen, wo man allein auf die Reibung hoffen bzw. sich seinem Gleichgewichtsinn anvertrauen muß. Oft besteht der Ausstieg auf den Block aus einem unangenehmen Mantler. Schnell relativieren sich dabei die Bewertungsangaben der Bleau-Skala und manches 4er-Problem entpuppt sich für uns als sehr knifflig. Jedenfalls wechseln wir nach dem ersten Tag von rot zu einer leichteren blauen und orangen Runde, um unsere Erfolgsausbeute zu erhöhen. Aber eigentlich besteht ja der Reiz und der Spaß auch vor allem darin, mit etwas Kreativität herauszufinden durch welche ungewöhnlichen Bewegungsfolgen ein Boulder bezwungen werden kann und dabei vielfältige Erfahrungen zu sammeln. Entscheidend neben der Kraft ist es vor allem die richtige Druckverteilung auf Hände und Füße, die richtige Körperposition zu ergründen. Dabei kann die Lösung je nach Reichweite, Hebelverhältnissen, Beweglichkeit, persönlichem Vorlieben individuell sehr unterschiedlich ausfallen. Mit der Zeit bekommen wir jedoch zum Glück ein zunehmend besseres Gefühl für den Sandstein und die einzigartige Kletterei hier und selbst unmöglich erscheinendes geht auf einmal doch...
Trotz der relativ hohen Besucherzahlen über die Feiertage mit vielen englischen, holländischen deutschen Kletterbesuchern, war die Athmosphere sehr entspannt, da genügend Blöcke für alle da sind. Die kurzen Zustiege, der weiche Sandkastenuntergrund als Spielplatz sowie die vielen einfachen Boulder machen das Gebiet vor allem auch für kletternde Familien mit Kleinkindern interessant.
Am meisten beeindruckt haben mich die Begegnungen mit den älteren Bleausards, den einheimischen Boulderern der Erschließergeneration. Erkennbar sind diese sofort durch ihr typisches Äußeres und Equipment: bequeme, weiche Kletterschlappen La Sportiva Mythos, Poof-Lapppen zum Verbessern der Haftung auf Reibungstritten/-griffen, kleine Teppichunterlage zum Sohlenreinigen vor dem Start, augeblichenes T-Shirt und Sprinterhose für optimale Bewegungsfreiheit. So ausgestattet rennen diese Originale dann mit einer selbstverständlichen, spielerischen Leichtigkeit durch die Boulder als ob es überhaupt kein Problem gäbe und lassen einen staunend zurück.
Alles in allem war es eine tolle neue Erfahrung und sicher in Zukunft erneut eine Reise dahin wert. An drei Tagen statteten wir folgenden empfehlenswerten Teilgebieten einen Besuch ab:
- Bas Cuvier: gilt als das klassische Gebiet, sehr vielseitig, Szenetreff
- Trois Pignons – La Roche aux Sabots: ebenfalls sehr vielseitig, Nähe zum sehenswerten Tete du chien
- Beauvais – Rocher du Duc: schattig, weniger besucht, nicht immer optimales Aufsprunggelände
Sicher hat man aber auch in den anderen Gebieten noch viele, sehr gute Möglichkeiten. Übernachtet haben wir auf dem preisgünstigen Camping Municipal in Samoreau direkt an der Seine.
Aktueller Kletterführer “Fontainebleau Climbs” von Jo & Francoise Montchausse und Jacky Godoffe (englischsprachig, z.B. bei www.klettern-shop.de erhältlich)
Als zusätzliche Ausrüstung neben den schon oben erwähnten Sachen sind ein Crashpad als knochenschonende, sturz- bzw. aufsprungdämpfende Unterlage sowie eine kleine Zahn- oder Handbürste zum Griffeputzen sehr nützlich. Für die täglich Pflege der von den Slopergriffen abgeschmirgelten, arg stark strapazierten Fingerhaut rate ich außerdem zum reichlichen Gebrauch von Handpflegecremes (z.B. Neutrogena, Atrix) abends nach dem Klettern.
Zur Abwechslung bieten sich an Regen- oder Regenerationstagen Ausflüge nach Paris oder Versailles an.

