Freunde
Wer viel draußen unterwegs ist – sei es beim Skiwandern in Norwegen, während einer Paddeltour in Mecklenburg-Vorpommern oder irgendwo beim Klettern – wird merken, wie einfach sich Kontaktaufnahme zu anderen Menschen gestalten kann. Unbekannte Personen entwickeln sich binnen erstaunlich kurzer Zeit zu Freunden, wenn die Chemie stimmt.
Einer der Gründe mag darin liegen, daß bei derartigen Freizeitbeschäftigungen der soziale Status des Alltags relativ unwichtig ist, ein anderer in der gemeinsamen Begeisterung für Dinge mit ähnlichem Tiefgang wie Fußball gucken oder Kühe melken. Natürlich gibt es auch unter den Kletterern nicht die reine “heile Welt”, Animositäten werden sorgsam, teilweise über Jahrzehnte hinweg gepflegt, Unbekannte am Fels beäugt man mißtrauisch und Debatten über die EINZIG WAHRE ART ZU KLETTERN verwirren auch Kenner der Szene.
Ich will jetzt kein Hohelied auf Bergkameradschaft im Allgemeinen und die des Ith-Zeltplatzes im Besonderen einstimmen, aber Fakt ist, daß man in anderen Sportarten – sagen wir mal Triathlon – jahrelang mit denselben Leuten zusammen trainieren kann, ohne sich zu trauen, sie unter der Dusche mal nach dem Shampoo zu fragen. Beim Klettern habe ich abends auf dem Zeltplatz hingegen schon öfters Dialoge wie diesen erlebt:
“Sag mal, kann ich mal Deine Nutella haben, ich heiß übrigens Ole.” “Logo. Ich bin Ulf – wolln wir morgen zusammen klettern gehn?” “Ja super, was machst Du eigentlich im Sommer? Ich wollte in die Dolos und such' noch 'n Partner.” “Nach meinen Prüfungen habe ich Zeit...”
Nicht immer muß dies der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein. Vielleicht wäscht Ulf nie ab oder Ole sucht sich einen Ieistungsstärkeren Partner. In anderen Fällen entwickeln sich geradezu eheähnliche Beziehungen, die kaum noch eine angemessene Kontaktpflege zu potentiellen, andersgeschlechtlichen Partnern zulassen.
Richtige Freunde stehen zueinander, sie helfen sich und nehmen kleinere Patzer des jeweils anderen nicht allzu ernst. Wenn man über Bekannte herzieht und sie zum Gegenstand lustig-schauriger Hadergeschichten macht, muß man aufpassen. Wahre Freunde lassen auch so etwas mit sich machen. Deshalb möchte ich über Freunde von mir berichten.
John Allan
So ein Mist, dachte ich. Warum zieht dieser komische Aussie bei uns ein und nicht seine süße Freundin? Unsere WG war zwölf Kilometer von der Uni entfernt. Als Stefan auszog, mußten wir das freigewordene Zimmer wie Sauerbier anbieten und waren heilfroh, als Anja aus Oelixdorf (Ja, den Ort gibt es wirklich) ihren neuen Freund zu uns brachte.
Die beiden hatten sich während Anjas Australienreise kennengelernt und Jack schaffte es in hartnäckiger Manier, Anjas Adresse in seinen Besitz zu bringen. Zwischen den beiden war noch nichts gelaufen, als Jack wenige Monate nach Anjas Heimreise in Kiel vor ihrer Tür stand – mit einem One-way-Ticket in der Hand und ansonsten völlig pleite. Er blieb einfach da und so hatte Anja keine andere Wahl, machte mit ihrem alten Freund Schluß und war fortan mit ihm zusammen. Ganz ohne Widerstand mochte sie sich dennoch nicht geschlagen geben und so verschaffte sie Jack – da er diesbezüglich keinerlei Interesse entwickelte – eine eigene Wohnung.
Da saß er nun ein wenig traurig und ohne Freundin bei uns in der Küche, während ich darüber rätselte, ob er nun eher Otto Waalkes oder doch Crocodile Dundee ähnlich sehe. Nach gegenseitigem Beschnuppern stellten wir fest, daß wir gut miteinander klarkommen würden. Man sprach über dies und jenes und übers Klettern. Jack hatte in Australien auch geklettert und so fuhren wir das folgende Wochenende gemeinsam in den lth.
Die Tage waren ein voller Erfolg und von nun an unternahmen wir viel gemeinsam. Jack verbesserte erschütternd schnell seine Fähigkeiten am Fels und verfügte auch sonst über viele Talente, wie zum Beispiel Geschichtenerzählen.
Unvergessen werden mir die Feiern bleiben, auf denen er sturztrunken Döntjes aus seiner Zeit als Schmuggler im Barrier Riff zum besten gab. Wichtigster Satz war immer “oohh, I was soo pissed....” und es folgten Erzählungen von schießwütigen Papuas, hübschen Frauen, zugedröhnten Skippern und den grimmigen Beamten der Küstenwache.
In diesen – selbstverständlich völlig authentischen – Geschichten nahm er sich selbst nicht allzu ernst und nicht nur das machte ihn allgemein beliebt.
Meistens erzählte er in der “Jack-Hocke”: Den Rücken an die Wand gelehnt, ging er etwas in die Knie und spreizte die Beine. Zwischen Ober- und Unterschenkel bildete sich ein Winkel von etwa 120 Grad, wobei die Knie leicht federten, um alkoholinduzierte Gleichgewichtsstörungen abzupuffern. Auf diese Weise konnte er auch in fortgeschrittenem Trunkenheitszustand nicht stürzen und da er zu den beneidenswerten Menschen gehört, deren Zunge sich beim Trinken zwar lockert, aber deren Sprachzentrum voll funktionstüchtig bleibt, scharte sich stets eine Schar bereitwilliger Zuhörer um ihn.
Auch als Seilpartner war er sehr angenehm. Er zierte sich nicht, wenn es darum ging, mal etwas weiter zu laufen und er liebte das Boofen – auch außerhalb Sachsens. Und wenn ich mich in einer Tour nicht mehr weitertraute, ließ er sich bereitwillig nach vorne schicken und nahm es mir hinterher auch nicht übel.
Seine angeborene Links-Rechts-Schwäche hingegen führte nicht nur zu gefährlichen Situationen im Straßenverkehr, sondern sorgte auch für Verwirrungen am Fels. Im Klettergarten hatte dies skurrile Griffkombinationen zur Folge (“Take the left hand, Jack – no, the OTHER left hand”), und in Mehrseillängenrouten eröffneten wir auf diese Weise phantasievolle Varianten (“Shit – the guide says ich soll gehen nach recks. Und nun habe ich diese Bolt fünfzehn meters neben von mich. Axl, wie soll ich jetz klettern?”).
Wir fuhren zusammen nach Südnorwegen zum Klettern; dort ließen wir unseren Gewaltphantasien freien Lauf, als das Topo eines hier nicht namentlich genannten Kletterführerautors mehr Bohrhaken vorgaukelte als in der real existierenden Route vorhanden waren.
Eines Abends kehrten wir nach einer Tour zum Campingplatz zurück. Wir hatten gerade einen langen Abstieg in Kletterpatschen hinter uns gebracht und die Stimmung war eher mäßig. Dies änderte sich schlagartig.
Vom Waschhaus kommend (sic!!) schlenderten wir in Richtung Auto. Plötzlich hörten wir ein Gejohle und Gepfeife. “Uououhh, SEEXXYYY, Pfffüütt!!”
Verstohlen blickten wir aus den Augenwinkeln in Richtung Lärm und entdeckten die beiden dreizehnjährigen Töchter der Familien aus Skien und Kristiansand, die anscheinend begehrliche Blicke auf uns warfen. Mit herablassenden Mienen schlenderten wir betont langsam weiter, ohne den Kopf zu drehen, bis wir gut versteckt und außer Hörweite hinter dem Bus standen.
“YYEEAAHH! Still got it man, still got it.” Jack hatte die rechte Hand zur Faust geballt, vollführte das, was man in der Fußballsprache die “Säge” nennt und fiel mir um den Hals. Seine Augen strahlten. “I know I shouldn't, but I still got it!” Auch ich war schwer begeistert.
Von diesem Tage an freuten wir uns nach jeder Tour auf die “Guties” – die “Süßen” – wie Jack sie getauft hatte. Äußerlich blieben wir stets cool, unterschritten niemals eine Distanz von 50 Metern zu ihnen und würdigten sie kaum eines Blickes – so lange sie es nicht bemerkten. Die beiden hatten sicherlich keinen Schimmer, wie sehr sie das Selbstbewußtsein zweier Jungverheirateter angehoben hatten.
Mittlerweile lebt Jack wieder in Australien und hat Anja natürlich mitgenommen. Die beiden sind an den Wochenenden viel unterwegs und Jack hat die schneearmen norddeutschen Winter fast vergessen, so daß er ernsthaft überlegt zu reemigrieren.
Axel Kaske