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(aus dem Höhenrausch  Heft 4/2003:)

Mittsommer Madness

von Leif Büttner

„Das machen wir! Nächsten Mittsommer. 1000 Meter im 7. Grad”, meinte Stefan Böhme. Und er meinte es ernst. „Klar”, sagte ich und zuckte mit den Schultern.

Dass Stefan sich jetzt, im Sommer 2003, daran erinnerte, war der Startschuss zu einer laktatreichen Aktion: So viele Routen im 7. UIAA-Grad klettern, dass die Gesamtlänge für jeden 1000 Meter im Vorstieg beträgt! Sturzfrei! An einem Tag! In Lüerdissen und Holzen! Inklusive Gebietswechsel! Ein Dutzend Stullen.......... Das lässige Schulterzucken verwandelte sich bei mir in wachsende Skepsis.

Die Kopfschüttelnden waren klar in der Mehrheit. Prominente der norddeutschen Kletterszene wie Arne Grage meinten: „Fänd' ich klasse wenn ihrs schafft, aber..... ich weiß ja nich'.” Altmeister Ralf Kowalski und meine Unterarme fanden die Sache gar unsinnig. Als ich dann nachts um 4:30 Uhr geweckt wurde, sah auch mein Kopf den Unsinn ein. Axel Kaske, von Natur aus Frühaufsteher, hatte über Connection #2.369 noch eine Digicam organisiert und sah sich das Geräkel an.

Zwei Schüsseln Müsli und 58 Minuten später war Start am Locher. „Schön Meter machen”, grinste Axel und ich sah ihn immer noch verschwommen.

Der Start war unspektakulär. Einer stieg vor, kam runter, zog das Seil ab und der nächste durfte PinkPoint. Schuhwechsel und Nahrungsaufnahme beim Sichern. Plan war, zuerst die Himmelsleiterwand von rechts nach links durchzuforsten. Am Edelzwicker bestand Stefan auf den Originaleinstieg über die Diretissima. Kein Problem wenn man weiß wo es langgeht. Hier gab es erstmals angedickte Ärmchen, bei Tour 5 von 58. Axel sorgte dafür, dass man sich mit mehr oder weniger dummen Sprüchen bei Laune hielt: „Nur noch 16 Stunden klettern.” Wir hatten 17,8 Minuten Zeit, um beide eine Route zu klettern, abzubauen und zum nächsten Felsen zu wechseln. Nach jeder Tour wurde über die 40 rausgeholten Sekunden jubiliert.

10:15 Uhr. Immer noch niemand unterwegs. An der Verschneidungswand übernahm Ole Radach die Kamera. Es wirkte beängstigend 20 Touren in Holzen an einem sonnigen Samstag ohne Hexentric-Surround-Sound zu klettern.

13:06 Uhr. Halbzeit! Es sah gut aus. 42 Minuten unter dem Zeitlimit und keine großen Probleme mit den Touren. Es hatte etwas gebracht, sich die unbekannteren Wege vorher noch einmal anzuschauen. Wir liefen vom Rotesteineck zum Auto, rasten über den Segelflugplatz zum Camping und weiter zur Lüerdisser Kanzel. Die mittlerweile 45 Minuten Vorsprung erlaubten einen Toilettengang. Doch Stefan konnte nicht und somit war klar, dass wir später noch einmal Zeit verlieren würden. Die ungebrochene Anspannung machte sich bemerkbar. Von meinem stillen Örtchen zur Kanzel zurücklaufend hagelte es plötzlich faustgroße Steine. Ich wusste nicht was los war und rastete aus. Nach wenigen Sekunden verstand ich: Ein Hirnloser schmiss Steine vom Kopf der Kanzel in den Wald. Ich schrie unhöflich herum bis der Spuk aufhörte. Falls sich jemand angesprochen fühlt, darf er sich gerne bei mir melden. Für Nachforschungen war keine Zeit, Stefan brach nach Canossa auf.

Gemessen an seinem Können, halten sich die Kletterschwierigkeiten der Skyline in Grenzen. Trotzdem: „Scheisse! – Verdammt!”, hallte es abermals durch den Ith. Ich lief rückwärts bis ich über den Vorbau schauen konnte. Stefan hing am oberen Bauch und versuchte krampfhaft das Seil hinterherzuziehen. Unten bei mir hingen zwei Meter Schlappseil. Es stellte sich heraus, dass man die Tour besser in zwei Seillängen Klettert. Ansonsten muss der zweite Teil mit 20 Kilo Zusatzgewicht geklettert werden. Als Stefan runterkam, flogen erstmal die Schuhe gegen den Fels. Die Arme waren völlig zu – wegen einer Panne. Bei mir war zumindest das Gewissen angeschlagen, denn eigentlich wäre ich an der Reihe gewesen.

Ein Plus von 20 Minuten war noch übrig. Stefan stieg in den Minusman ein. Nach drei Zügen kam er wieder runter: „Wenn ich jetzt weitermache, passiert was.” Ich schluckte. Die Skyline hatte Moral gekostet. Wir waren kurz davor, das Handtuch zu werfen. Ole hatte alles vom Standplatz aus mitverfolgt und redete uns gut zu. Stefan entschied sich, zunächst einige Wege auszusetzen und dann weiterzuschauen.

Mittlerweile war auch der Rest des Zeltplatzes an den Felsen. Trotzdem war bis jetzt keine Tour belegt, die auf der Liste stand. Nach einer Stunde war Stefan wieder dabei. Von dem Zwischentief sah man nichts mehr. Konzentration und Moral waren wieder top. Er hatte sein Ziel auf „777 Meter im 7.Grad” umgepolt. Klingt auch besser, fanden wir.

13 Stunden Stress hinterließen Spuren. Die anfängliche Lust „Meter zu machen”, verwandelte sich in einen Kampf mit dem Schweinehund. In den Sicherungspausen merkten wir die Körperschändung. Füße schlimmer als Hände. Um die Touren in Alpinlatschen zu klettern, waren wir nicht fit genug. Also mussten immer wieder die engen Treter her und die Füße abermals hinein.

Interessant war, dass sich die Arme etwa 5 Minuten nach einer Tour wieder recht gut anfühlten. Nur hielt dieser Zustand nicht lange an. Zwei bis drei Züge ließen sich mit der gewohnten Kraft machen, dann liefen die Arme schlagartig zu. Dazu setzte bei mir ab Tour Nr.40 ein befremdendes Zittern im ganzen Körper ein. Auf'm Kö, Spatzenhirn und Amselweg wurden in Trance geklettert. Denken ging schon lange nicht mehr. Versuchte man es doch, lautete die Antwort: „Aufhören!”

Ein paar Schaulustige hatten sich zum Finale eingefunden. Es ging ums Endspiel. Seit 4:30 Uhr waren wir nun unterwegs. Jetzt blieben uns noch knapp 10 Minuten. Um 22:45 würde es komplett dunkel sein. Ich hatte mir die Tour vorher nicht mehr angeschaut. Anblockieren und rumtasten konnte ich mir jetzt abschminken. Seit 2 Stunden wurde nur noch gepatscht und geschnappt. Die Crux ist der Bauch in der Mitte der Tour. Und irgendwo da war doch ein guter Schlitz für rechts, oder? Als ich dort ankam war er jedenfalls nicht mehr da! Völlig in den Schultern hängend krebste ich zurück unter den Bauch. „Urgh! Das darf doch wohl nicht wahr sein. In der letzten Tour noch Scheiss bauen.” „Auf geht's. Stell dich nicht so an”, rief der Pöbel von unten. Recht hatte er. Mit ein wenig Gestöhne und dem Schlitz, der auch wieder da war, würgte ich meinen Hintern über die Stelle. Umlenker fädeln, runter, fertig!!!

Die Erlösung war grenzenlos. Wir versuchten uns in die Arme zu fallen – es ging nicht mehr. Dafür ging auf dem Camping Wurst und Bier. Mein kleiner Organismus verträgt bekanntlich nicht viel. Ein halbes null-drei-Jever katapultierte mich in den Schlafsack. Am nächsten Tag vergaß Gott mich aufzuwecken: „Klettern ist halt mehr, als schwere Touren ausbouldern.”

Fazit:

Rack:

(erschienen im "Höhenrausch" 4 / 2003)

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