Basislager am Kondoriri
Pequeno Alpamayo
Blick zum Potosi
Der Huayna Potosi
Hochlager am Huayna Potosi
Auf GAMB-Tour
La Paz mit dem Illimani im Hintergrund
Hochlager am Illimani

[zurück]

Von den Inkas ins Nino de Condori Camp

Vier Wochen (April/Mai 2000) fürs Trekking und Bergsteigen in Peru und Bolivien sind leider nicht genug, haben Donatus und ich bei unserer Tour immer wieder feststellen müssen. Dementsprechend war unser Akklimatisationsprogramm dicht gepackt. Die erste Woche verbrachten wir auf 3000–4000m in der Cuzcho Region und sind den Inkatrail nach Macchu Picchu gewandert, mit dem Zug zum Titicacasee gefahren, auf der Isla del Sol gewandert. Danach ging es per Bus Richtung La Paz und in die Condoriri-Gruppe.

An einer Meerenge vom Titicacasee wurde unser Bus auf ein floßähnliches Boot verladen. Wir mußten vorher aussteigen und mit seperaten Booten übersetzen. Diese Prozedur hatte ihre Berechtigung, wenn man das tiefliegende Boot mit dem riesigen Bus darauf sah. Auf der anderen Seeseite wurden wir von der Musikkapelle der Bolivianischen Gebirgsmarine begrüßt, die gerade eine Militärparade abhielt. Die Matrosen sahen auf 3800 m schon ziemlich lächerlich aus. Die folgenden 4000er-Pässe kroch der Bus ganz langsam hoch. Die Fehlzündungen mehrten sich, der Bus qualmte bis er schließlich ganz liegen blieb. Sofort hielten Minibusse, so daß wir gleich weiter konnten. Wir ließen uns in dem Pampanest Palamanca aussetzen und konnten einen Einheimischen finden, der uns in die Gebirgsgruppe fuhr. Für die 30 km brauchten wir in seinem alten Chevy eine Stunde und ließen die endlose Pampa bei seiner Modern Talking Musik vorbeiziehen.

Die Condoriri-Berggruppe empfing uns mit Gewitter und Hagel, der aber wie immer schnell von Sonnenschein abgelöst wurde. Den Transport der großen Rucksäcke ins Basislager auf 4800 m überließen wir doch lieber 2 Eseln. Unser Zeltlager lag an einem See, der von einigen 5000ern eingerahmt wird und die keine Bergsteigerwünsche unerfüllt lassen. Neben uns kampierte eine brasilianische Gruppe, die wir abends noch besuchten. Von dem Basislager haben wir uns erst mal einen kleineren und leichteren 5000er vorgenommen. Falsch eingezeichnete Bergnamen in der Karte (von Walter Guzman Cordova) haben uns beim Aufstieg ziemlich irritiert.Es dauerte bis wir alle Berggipfel aus dem Kletterführer den realen Gipfeln zugeordnet hatten.

Auch hier gehen die Gletscher zurück, so daß die Bergtouren zum Teil erheblich schwerer werden. Der Aufstieg zum Ilusionita (5250 m, 2.Grad, AD-, 40°) ging zuerst über eine Seitenmoräne, über Felsplatten und zum Schluß über den verschneiten Gletscher zum Joch hoch, wo wir dann nach links über den Grat im kombinierten Gelände zum Gipfel stiegen. Da wir uns die ganze Zeit sicherten, dauerte die Tour recht lange, so daß wir oben leider keine gute Sicht mehr hatten.

Am nächsten Morgen ging es kurz nach Sonnenaufgang Richtung Pequeno Alpamayo los. Die Spur im Gletscher wurde immer steiler und die Sonne stärker, so daß ich bei jedem Schritt tief in den Schnee einsackte und wieder die Hälfte des Schrittes verlor. Auf 5000 m geht einem die Luft ziemlich schnell aus. Es ging zuerst auf den Tarija (5320 m), von dem man eine Superaussicht auf den schönen Biancograd des Pequeno Alpamayo (5370 m, 3.Grad, AD, 45°–55°) hat. Nachdem wir den Grad vom Tarija hinter uns hatten, ging es im Fels runter zum Anfang des tollen Gipfelgrates vom Pequeno Alpamayo. In der Flanke (bis 55°) pickelten wir uns langsam hoch. Oben hatten wir noch kurz Aussicht auf die anderen 5000er und den Titicacasee, bevor es zuzog und es leicht zu schneien anfing. Wieder den Grat runter, die Felsen hochgeklettert, über den Grat balanciert und den Gletscher runtergelaufen. Nachmittags um 15:00 waren wir bei Sonnenschein im Basislager und haben unsere Sachen getrocknet und die Umgebung genossen.

Bis 9:00 ausgeschlafen, bis uns die Sonne aus dem Zelt gebrannt hat. Vor dem Frühstück sind wir noch schnell auf einen namenlosen und schneefreien Gipfel (5035 m) hochgelaufen. Nach dem Pequeno Alpamayo und ohne Rucksack war es ein Spaziergang. Oben haben wir die Aussicht genossen und viele Fotos gemacht. Jeden Tag das gleiche Wetter: Nachts Sternenhimmel, morgens keine Wolke, mittags Wolken die vom Regenwald herankommen und nachmittags Gewitter mit Hagel und danach evtl. wieder Sonne. Morgens um 6:00 sind wir mit je 30 kg Gepäck gestartet, da so früh morgens keine Treiber mit Eseln hoch kommen. Zum Glück ging es nur bergab.

In Tuni hatten wir uns bereits bei unserem Eseltreiber zum Frühstück angemeldet. Wir saßen in der Sonne und machten uns über unsere Forellensteaks her, die vor einer Stunde noch im Tuni-Stausee rumschwammen. Aus der Kondoriri-Gruppe wurden wir mit einem Allrad-Pickup direkt zum Ausgangspunkt für den Huayna Potosi (6088 m) gefahren. Für die 22 km brauchten wir 2 Stunden! Es ging durch ehemalige Bergbausiedlungen und über mehrere Pässe (5000m) durch eine grandiose Landschaft um den Potosi herum. Wir haben sogar 2 der seltenen Kondore gesehen. Mittags starteten wir zum Hochlager auf 5500 m am Potosi. Zur Dämmerung erreichten wir den Talkessel unterhalb des Gipfels, wo angeblich bereits 10 andere Bergsteiger lagern sollten.

Doch waren keine Zelte zusehen. Stattdessen sternenklarer Himmel mit Lichtermeer von La Paz. Da mir die Seracs zu unheimlich waren, stiegen wir wieder 150 Höhenmeter ab. Als wir das Zelt aufbauten, hörten wir dann auch die Seracs krachen. Leider versagte unser Benzinkocher (der vorher gut funktioniert hatte), so daß wir keinen Schnee für das Essen und das Trinken schmelzen konnten. Das hieß das Aus für die Gipfeltour am nächsten Morgen. Um Mitternacht kamen die Wetterleuchten über dem Regenwald immer näher und der Sternenhimmel verdüsterte sich. Auf ein Eingeschlossenwerden ohne Wasser und Essen in dieser Höhe hatten wir keinen Bedarf, so daß wir nachts um 1 Uhr unser Zelt zusammenpackten und in unserer hartgefrorenen Aufstiegsspur bei Mondschein, Wetterleuchten und Stirnlampenschein bis zu einem geschützten Platz in den Felsen abstiegen und dort in unseren Schlafsäcken die restliche Nacht unter freiem Himmel verbrachten. Es war wärmer (morgens –5°C) als im Zelt oben auf dem Gletscher. Come back alive!!! Der heutige Tag war ein idealer Gipfeltag, doch leider nicht für uns, da wir durstig ins Tal absteigen mußten und danach per Anhalter in einem Heizöl-LKW nach La Paz fuhren. Die Rucksäcke auf der Ladefläche waren komplett eingestaubt. In La Paz haben wir uns ein Hotel mit eigenem Bad gegönnt, uns erholt, die nächsten Tage geplant.

Nach der Kocherpleite am Potosi hatten Donatus und ich uns für eine organisierte GAMB-Tour angemeldet. GAMB bedeutet auf Neudeutsch: Gravity Assisted Mountain Biking also Radfahren für Warmduscher!!! Die Tour war jedenfalls genial. Treffen um 7:45 Gringotime vor McDonalds. Mit dem Bus wurden wir auf einen Paß in der Nähe von La Paz gefahren (4500m). Bei der ersten Spritztour am Paß blieb uns gut die Luft weg. Dann ging es insgesamt über 65 km nach Coroico in den Dschungel runter, also 5% Gefälle durchschnittlich. Anfangs auf der Teerstrasse in Serpentinen an schneebedeckten Gipfeln vorbei und in den Kurven die Busse überholt, nach dem Drogencheckpunkt dann auf einer üblen Schotterpiste (laut Weltbank die gefährlichste Strasse der Welt) durch Regenwald und Bananenpflanzungen auf 1300m runter.

Der Abhang neben der ungesicherten Straße ging dabei mehrere hundert Meter senkrecht runter und ständig werden die Schäden von Erdrutschen ausgebessert. Die Landschaft und der sportliche Aspekt waren super.

Am nächsten Tag wurden mit einem Landcruiser zu unserem zweiten Versuch an den Potosi (6088m) gebracht. Diesmal hatten wir eine Gaskartusche dabei, da das peruanische Benzin ausgeflockt war und den Brenner verstopfte. Die neue Gaskartusche war jedenfalls nach 3 Stunden Schneeschmelzen, Teekochen und Essenkochen bereits leer. Zum Glück waren wir gerade fertig geworden. Unser Hochlager lag wieder bei 5400 m und wir waren alleine in dem Gletscherkessel. Nachts wurde es draußen –15 C und im Zelt –3C kalt. Problematisch war eher die dünne Luft. Um die Sauerstoffarmut zukompensieren, atmet man bewusst schneller. Nur beim Schlafen klappt das mit dem bewußt nicht so gut, so daß ich häufig mit Luftnot aufgewacht bin. Geht aber nach ein paar Atemzügen gleich wieder weg.

Morgens um 4:30 wurden wir von Lichterschein geweckt. Wetterleuchten? Nein, die organisierte Gruppe, die in den Felsen (unser alter Biwakplatz) übernachtet hatte und bereits 2 Stunden unterwegs war, kam an unserem Zelt vorbei. Wir beeilten uns und waren eine Stunde später auch in der Spur und haben eine schönen Sonnenaufgang über dem wolkenverhangenen Regenwald gesehen. Vor dem Gipfelanstieg kam die andere Gruppe zurück und der einheimische Bergführer meinte, daß der Normalanstieg über den überwächteten Gipfelgrat zu gefährlich sei. Wir sind dann über die Flanke (Alternative zum Normalweg) die letzten 150 m zum Gipfel hochgepickelt. Oben gab es eine Super-Aussicht zu unseren Kondoriri-Gipfeln, den Titicacasee, den bewölkten Regenwald und La Paz.

Auf dem Rückweg bauten wir in sengender Sonne unser Zelt ab und fuhren in einem völlig überfüllten Bus mit Tempo 20 nach La Paz zurück. Abends gab es wieder Titicacaseeforelle. Nach der Tour waren wir ziemlich ausgebrannt und haben uns einer fertig organisierter Jeeptour durch die Salzwüste im Süden Boliviens angeschlossen. Da wir danach nur 2 Tage Zeit für die Besteigung des ausgewachsenen 6438ers Illimani hatten (eigentlich sehr verwegen), haben wir uns einen lokalen Bergführer gegönnt (Verhauer im nächtlichen Gletscherbruch konnten wir uns nicht leisten), den wir in der Condoriri-Gruppe kennengelernt haben. Er fuhr uns mit seinem Landcruiser die 3 Stunden bis zur Estancia Unna (Siedlung am Ende der Piste auf 3400m). Dort engagierten wir noch 2 Träger und ein Muli, die uns unser Klettergeraffel am Basislager (4400m) vorbei bis ins Hochlager (Nino de Condori auf 5400m) schleppten. Das war auch nötig, da wir insgesamt 2000 Höhenmeter hoch mußten und erst um 17:00 im Lager ankamen. Das Condornest, wie es heißt, liegt direkt hinter dem letzten Felssporn auf einem Firnplateau. Von dort hatten wir eine Superaussicht auf La Paz, El Alto, den Titicacasee, den Potosi (unser erster 6000er) bis nach Chile. Wir waren alleine dort oben und fingen gleich mit dem Schneeschmelzen an. Es dauerte bis 22:00 bis wir damit fertig waren. Um nicht das Zelt abzufackeln, hatten wir draußen ein Schneeloch zum Kochen genutzt. Nachteil, von Zeit zu Zeit mußte man aus dem warmen Zelt (0 Grad) raus und etwas Schnee nachlegen. Dafür sah man das erleuchtete La Paz und einen Super-Sternenhimmel. Nebenan in sicherer Entfernung krachten die Seracs.

Nach 3 Stunden mehr oder weniger Schlaf war Wecken um 1:00 angesagt. Mittlerweile war Wind aufgekommen, so daß der Brenner sogar im Zelt mehrmals ausgeblasen wurde. Ziemlich nervig. Dann raus aus dem warmen Schlafsack und Gurte angelegt. Um 2:20 ging es dann angeseilt (Eulalio, Donatus und ich) im Lichte der Stirnlampen los. Der Mond war leider schon untergegangen und das Sternenlicht reichte nicht aus, um die verwehten Spuren von unseren Vorgängern zu finden. Die frischen Duracell-Batterien machten bei der Kälte jedoch ziemlich schnell schlapp, so daß ich meist im Dunkeln hinterher trottete und nur ab und zu die Lage (Wächten, Spalten) checkte. Die Windböen nahmen zu und die Temperatur ab. An diesem Tag war ich konditionsmäßig nicht so gut drauf (2000m Aufstieg in der Höhe am Vortag sind nicht ohne) und die eiskalten Böen, die uns einen Torkelgang bescherten, kühlten mich bedenklich aus. Ich hatte schon 2 T-shirts, eine Fliesjacke, die Mega-Daunenjacke und die Goretexjacke an. Die Luft wurde immer dünner und bei der Dunkelheit konnte man nur die nächsten 20 Meter erahnen. In den Böen hing das Seil zwischen uns horizontal in der Luft, da mußte man wenigstens nicht mehr darauf achten, nicht mit den Steigeisen auf das Seil zutreten. Nach dem Höhenmesser mußten es noch mehr als 400 Höhenmeter bzw. 3 Stunden weiter durch die Flanke und dem Gletscherbruch zum Gipfel sein. Ich zog mir in einer Pause den Biwaksack über, doch Schutz bot er kaum, er flatterte wie eine Fahne im Wind. Also unser Notnagel war nichts wert. Wir kehrten dann um 5:20 auf 6000m um und trotteten bzw. torkelten den Berg 600 Höhenmeter zu unserem Zelt runter.

COME BACK ALIVE war für mich angesagt. Im Zelt ging es gleich in die Schlafsäcke und wir versuchten noch etwas von dem nötigen Schlaf zu bekommen. Der Wind nahm jedoch immer mehr zu und rüttelte kräftig am Iglu-Zelt, daß man befürchten konnte, daß irgendwas über die Plateaufläche wegflog. Das Zelt war jedoch mit Eisschrauben verankert und die Rucksäcke draußen zusammengebunden. Als die Sonne langsam anfing das Zelt aufzutauen, räumten wir unser Geraffel zusammen und kämpften uns beim Zeltabbau ab. Es war ein wolkenloser Himmel und doch sch… kalt. Super-Aussicht, doch am Gipfel wurde durch den Sturm Schnee über die Kante geweht. Dort oben hätten wir heute keinen Spaß gehabt…

Wolfgang Strache

[nach oben]

Valid HTML 4.01!