Sentiero Roma im August 1999
Von Silvaplana aus fahren wir mit dem Bus nach Chiavenna, wo es nicht nur sehr warm ist (steigen wir doch auf 200 m ü. NN aus), sondern auch schon sehr südlich wirkt. Von Chiavenna mit dem Zug nach Novate, Mittagshitze und eine Sehnsucht nach Badestrand. Novate bietet Touristen keine Unterkunft, also entscheiden wir, im Schatten abzuwarten, bis der Supermarkt öffnet, Proviant zu tanken und noch ein Stück auf dem Sentiero Roma zu laufen. Mit unseren Schlafsäcken können wir uns dann irgendwo ein Plätzchen suchen.
Der Einstieg in Novate ist an der Durchgangsstrasse beschildert, an einem Brunnen am Ortsrand geht es über steile Treppen links in den Hang. Zu spät hören wir das Kindergeschrei von einer Badestelle am Ausgang des Coderatales.
Durch Kastanienwald führen endlos steil die Stufen, Sturzbäche auf Stirn und Rücken, nicht aber im Hang. Leider sind unsere Wasserflaschen nur nachlässig gefüllt. Als der Weg endlich ebenere Passagen aufweist, sehen wir weit vor uns Codera. Nach einem großen Bogen, zum Teil durch Lawinengalerien, stehen wir nach 2 Stunden verschwitzt in dem kleinen Ort. Wunderbar über einer Schlucht gelegen, nur zu Fuß oder mit Hubschrauber erreichbar, ist Codera kein aussterbendes Dorf. Wir sehen junge Erwachsene und kleine Kinder.
Am Dorfanfang gibt es ein Rifugio und etwas weiter eine Osteria. Am Brunnen trinken wir uns satt und füllen die Flaschen. Hinter dem Ort wird das Tal weiter, es gibt ein paar Almhütten und dazwischen viele Ziegen, also keinen Platz für die Nacht.
Etwas weiter stehen Hütten und ein verschlossenes Wohnhaus. Der Fluß bietet ein erfrischendes Vollbad und die Wiese vor dem Haus ein Nachtlager unter den Sternen. Glücklicherweise hat Alfred abends einen Schuppen ausgekundschaftet, in den flüchten wir uns morgens um sechs vor dem heftig losbrechenden Gewitter. Erst gegen Mittag entscheiden wir uns zum Aufbruch im Nieselregen. Wir kommen noch an verschiedenen bewohnten Flecken vorbei, bevor wir auf einer Fahrstraße das Rifugio Brasca erreichen. Die Athmosphäre ist wie Ferien auf dem Bauernhof und außer uns nächtigen in der gut renovierten Hütte nur noch zwei Holländer.
Am Morgen geht der Weg durch das weite Tal weiter, zweigt dann steil rechts in den bewaldeten Hang zu den Steinhütten von Areta ab und verläuft von hier über der Baumgrenze in die Geröllhalde unterhalb der Cima de Barbacan. Rechts von ihr gibt es den Übergang zum Rifugio Omio, wir nehmen links den Passo del Barbacan in Richtung Rifugio Gianetti. Der Durchstieg ist mit Stahlseilen und Ketten gesichert und läßt sich gut klettern.
Der großartige Blick ins Val Porcelizzo fällt wegen zu viel Nebel aus, wenigstens sehen wir das Etappenziel Rif. Gianetti. An der Hütte können wir zwar unsere verschwitzten Hemden in die Sonne hängen, der Badile und der Cengalo verhüllen sich aber eisern, erst recht, als später noch Gewitter einsetzt.
Die Stimmung auf der belebten Hütte ist gut, das Essen auch, die Sanitäreinrichtungen ganz neu. Die Lager dagegen sind eher ungemütliche Löcher mit einem betäubenden Duft von Mottenkugeln.
Von der Gianetti geht es in fast ebener Runde unterhalb der immer noch verhangenen Berge zum Passo del Camarozzo; gesicherter Durchstieg, luftiger Abstieg. Gut, daß wir zu der achtköpfigen Gruppe Italiener etwas Abstand haben.
Am Bivacco Molteni vorbei, z. T. über Blöcke zum Passo Qualido. Hier haben wir die Italiener fast eingeholt und drei Pfadfinder auf den Fersen. Eine Rast auf dem Passo verschafft Abstand aber keine klare Sicht. Ein leichter Abstieg ins Kar und bald folgt die dritte Scharte, der Passo del Averta, wie alle Pässe mit Seilen und Ketten versichert. Von oben ist das Rifugio Allievi erkennbar. Der Weg zieht sich, die Sonne scheint, kann den Nebel in den Gipfeln aber nicht vertreiben.
Ein furchtbarer Tee, leckerer Kaffee, dazu Dolce. Am Abend Pizocceri und ein gutes Lager. Auch diese Hütte ist erst kürzlich renoviert worden.
Nach dem üblich knappen Frühstück mit extra Portion Käse geht es durch den Kessel des Val di Zocca zum Passo del Torrone. Ein kurzer Abstieg, dann wieder ansteigend durch Blöcke und ein Schneefeld zum Passo del Cameraccio. Die Belohnung wäre hier der Blick auf den Monte Disgrazia. Statt dessen Nebel von vorne und von hinten, im gesamten Talschluß des Val Mello. Da läßt sich das Blockhüpfen nicht mehr so munter an.
Kurz vor der Bocchetta Roma sieht es nach Gewitter aus. Nun heißt es schnell sein, zur Sicherheit legen wir sogar unsere Gurte an. Durch ein Schneefeld zum Fels und dann doch abseits der Drahtseile durch die Risse nach oben. Dort beginnt es zu tröpfeln, das Gewitter bleibt jedoch vorerst aus. Der Abstieg zum Rifugio Ponti ist nicht lang, ähnelt aber einem Kaugummi.
Die zugige Baustelle wird von ihrem Wirt an Ungemütlichkeit noch übertroffen. Er ist nicht unfreundlich, aber die Atmosphäre in der vollen Hütte gleicht einem Schnellimbiß auf der Autobahn, der Wirt und die Küchencrew könnten aus einem Fellini-Film stammen.
Vor dem Abstieg am Morgen lugte auch der M. Disgrazia kurz hervor. Durch das Preda Rossa ging es mit schönem Blick talwärts, der anschließende Straßenhatscher nach Filorera war doch länger als erwartet. In Filorera gibt es seit diesem Frühjahr ein Zentrum für Bergsport, das auch Unterkunft und Verpflegung bietet für alle, die nicht sofort den Bus Richtung Morbegna nehmen.
Der Sentiero Roma ist ein wunderbarer alpiner Wanderweg mit schönen Ausblicken (bei entsprechendem Wetter), oft übermarkiert und eignet sich gut für Gruppenurlaub mit gemischten Schwierigkeitslevel, streift man doch hochalpine Klettergärten und Kletterrouten genauso, wie tägliche Abstiegsmöglichkeiten in das Val Masino. Die Etappen werden immer anspruchsvoller was Gelände und Ausdauer angeht und lassen sich gut als Eingehtour für Größeres an. Bei relativ gutem Wetter war der Weg keinesfalls überlaufen.
Verena und Alfred Budenz
