Studerhorn-Nordwand
Es ist nun fast 20 Jahre her, der Joker ist ausgespielt und ich lebe immer noch. Damals, es war mitten in der Woche, Mittwoch, 12.09.1979.
Um 4 Uhr verlassen wir das Aarbiwak im Berner Oberland. Es sollte mal wieder ein anstrengender aber auch großartiger Tag für uns werden. Wir sprechen nur sehr wenig beim Gang über den Strahleggletscher. Mein Bruder und ich sind sehr konzentriert bei der Sache, denn im Dunkeln kann man viele Fehler machen.
Am Beginn des Eisbruches legen wir die Steigeisen an und binden uns ein. Die Gegend ist uns zwar vom Vorjahr bekannt, aber der Gletscher ändert hier seine Formation schnell und so kennen wir eigentlich nur die generelle Richtung. Tiefe Spalten wechseln mit einsturzbereiten Eistürmen ab. Immer wieder ist leises Knacken zu hören, das Geräusch der fließenden Eismasse. Zwei Stunden haben wir bis ins obere Firnbecken benötigt.
Jetzt wird es Ernst. Das Seil macht uns zu einer Einheit, jeder ist für den Anderen verantwortlich und muß gleichzeitig Vertrauen zum Anderen haben. 800 m Eiswand bis 60 Grad liegen nun vor uns. Die Studerhorn-Nordwand zählt zu den großen Eiswänden im Berner Oberland und wird nur selten durchstiegen, weil allein der Zugang zum Einstieg eben nicht in einem Tage zu schaffen ist.
Nach Überwinden des Bergschrundes geht es nun, ohne Stufen zu schlagen, 2 Seillängen hinauf, schräg unter dem Hängegletscher ansteigend. Hier muß es schnell gehen, bevor die Tageswärme für Eisschlag sorgt müssen die Hängegletscher überwunden sein. Also wird auch noch nicht besonders gesichert und wir gehen gleichzeitig am Seil. Dank einer guten Firnauflage kommen wir zügig voran. Das Wetter sieht gut aus und das Finsteraarhorn leuchtet noch immer in der Morgensonne. Es ist jetzt 6:30 Uhr. Ohne eine Stufe geschlagen zu haben, und ohne Zwischensicherung bin ich die Seillänge ausgegangen. Zwischensicherungen sind bei den Firnverhältnissen auch gar nicht möglich. Standplatz wird am eingerammten Holzschaftpickel gemacht.
Fast 45 m liegen nun zwischen meinem Bruder und mir, das entspricht etwa 35 Höhenmetern von noch 700 Höhenmetern. Eine schier endlose Eiskletterei. Der Gipfel kommt nur ganz, ganz langsam näher. Immer wieder wandern die Blicke zum Grat, der im hellen und wahrscheinlich auch warmen Sonnenlicht liegt, während wir hier im Eisfach eines gigantischen Kühlschranks stehen.
Die Sicherungsmöglichkeiten für den Pickel lassen immer mehr zu wünschen übrig, so daß wir Eisschrauben setzen müssen. Wegen der Eisbeschaffenheit sind Eishaken nicht angesagt. Eisschrauben setzen dauert und ist eine echte Plackerei, aber Sicherheit geht nunmal vor. Und wie richtig es war, ordentlich zu sichern, wird uns bald allzu deutlich.
Die Wandverhältnisse werden schlechter und es ist zu befürchten, daß wir die letzten 200 Höhenmeter im Blankeis mit unseren schmiedeeisernen Steigeisen durchsteigen müssen. Die Abstände der Zwischensicherungen werden verkürzt auf ca. 15-20 m, das heißt, je Seillänge zwei Zwischensicherungen.
Urplötzlich, ohne Vorankündigung verliere ich in der 20. Seillänge beim Einhängen der Zwischensicherung den Halt und stürze einfach hinunter. Mein Bruder kann nur der Dinge harren, die da kommen sollen. Er stemmt sich gegen den Zug des Seiles, aber das wäre alles vergebens, wenn die Eisschraube am Standplatz nicht halten würde. Meinen Bruder drückt es mächtig in die Eisstufe des Standplatzes. Die Zwischensicherung mit Karabiner hängt oben und ich gut 30 m tiefer. In der Sekunde des Einklinkens muß ich den Halt verloren haben. Sturzfaktor 2! – Die Standschraube hat gehalten. Gott sei dank.
Nach dem ich mich aufgerappelt habe, steige ich wieder auf zum Standplatz und starte einen zweiten Versuch. Einfach nur, um mein Selbstbewußtsein für den Rest der Eiswand wieder zu finden. Als mein Bruder die Eisschraube des Standplatzes herausdreht, wird ihm bewußt, wie knapp wir der Katastrophe entkommen sind. Die Schraube ist bis zur Mitte hin verbogen, nur die Spitze kann noch gehalten haben.
Der Ausstieg aus der Wand erwies sich als besonders schwierig. Das Eis wurde brüchig und bis zu 70 Grad steil. Es ist dann ein wunderbares, unbeschreibliches Gefühl, wenn man aus der Nordwand, urplötzlich nach 14 Stunden im Kühlfach, in die Sonne hinaus steigt. Die Hände tauen auf, die Anspannung läßt langsam nach, und die Freude über den Gipfel ist groß.
Bernhard Frommelt