Zugvögel oder eine Reise nach Italien
Was soll ich erzählen bzw. wo soll ich bei den vielen Erlebnissen anfangen? Ja, ich war dabei – dabei bei 2 unvergleichlichen Wochen Italienurlaub, die mir mittlerweile wie ein Traum vorkommen. Sie scheinen weit länger als bloß 18 Tage vergangen und mehr als 1800 km zurückliegend und meine dortigen Sommergefühle stehen im gleichen Gegensatz zum hiesigen Winter, wie mein jetziger Zeitvertreib auf einem Bürostuhl mit unserem Um-die-Wette-Klettern mit den Eidechsen entfernt ist. Es war für mich einfach eine ganz andere Welt, weit weg von allen gewohnten Weihnachten.
Stellt euch vor, ihr schließt die Augen, schlaft ein und wacht, quasi über Nacht, in südlichen Gefilden wieder auf... Meine durchnächtigten, stressreichen Endspurtvorbereitungen vor der Abfahrt und die weniger romantische 15-stündige Autofahrt lassen wir mal für euch einfach weg. Dann würde der Urlaub in gespannter Ungewissheit auf einem schönen, aber katzenübervölkerten Campingplatz bei Finale Ligure westlich von Genua bei Dunkelheit nach langer Reise und 1-stündiger örtlicher Odyssee beginnen, in einer Stimmung, wo man noch gar nicht glauben kann, dass man jetzt wirklich angekommen sein soll. Wir brauchten auch erst mal eine Nacht bis wir uns eingelebt hatten, so z.B. bis wir herausgefunden hatten, dass das widersprüchlich hell erleuchtete, abgeschlossene Waschhaus, bloß eine Schiebetür besaß. Thomas, Kathrin + Joachim, die uns vorausgeflogen waren, hatten gleich am ersten Ferientag nach einem Autoeinbruch, bei dem Joachim's sämtliche Kletterutensilien gestohlen wurden, die Erfahrung gemacht, dass nicht nur die Katzen in Italien kriminell veranlagt sind.
Für mich begann der erste Morgen in wolkenverhangenem Grau in grau, bei kühlen italienischen 12°C gegen halb 8 Uhr mit dem unfreundlichen Klingeln meines Reiseweckers. Bei unserem “undisziplinierten Haufen” sollte es mit Ausnahme unseres Abreisetages das früheste Erwachen bleiben, bei Aufbruchzeiten zwischen 9 und 10.30 Uhr. Ganz im Gegensatz zum heimgesuchten Deutschland konnten wir uns bei trockener + stabiler Wetterlage, wettermäßig nicht beklagen, sollten aber dennoch die Sonnenstunden während unseres 1-wöchigen Aufenthaltes in Finale zählen können, da sich diese auf genau einen Tag beschränkten. Diesen nutzte dann auch jeder nach seiner Façon, wobei Torsten & Thomas' 9-Seillängentour (ein langgeplantes Event) an der Bric Pianarella wohl als am herausragendsten zu nennen ist. In der bergigen/felsigen Küstenlandschaft, wo es von relativ gut erschlossenen Klettergebieten (z.T. direkt am Meer) oder in den unzähligen Gebirgstälern nur so wimmelt, hätte man noch Wochen verbringen können, ohne einen Tag am gleichen Felsen hängen zu müssen. Auch beim Erschließen immer wieder verschiedener Lokalitäten abends oder neuer kulinarischer Spezialitäten ging einem nur beim Umfang des Essens oder bei knappem Budget die Puste aus. Aber wer will schon über die Festtage darben müssen. Unser Glühwein über'm Campingkocher mit Tortellinis am Heiligabend unter einem zügigen Zeltplanendach wird mir jedoch genauso unvergeßlich bleiben.
Die Tage vergingen wie im Zuge und nach den Feiertagen waren von 10 nur 9 Zugvögel übrig, da uns Kathrin abhanden kam, die zwar nicht das Heimweh, sondern die Pflicht den Heimflug antreten ließ.
Gegen Ende der Woche spaltete sich dann die Gemeinschaft endgültig, da es die Hälfte der Mannschaft noch weiter in den Süden und in wärmere Gegenden trieb, während sich die anderen wirklich das Ziel gesteckt hatten, alle weiteren örtlichen Kletterfelsen in Angriff zu nehmen...
Genau passend zur Abreise setzte dann der große Regen ein und Torsten's Auto aus, was uns als erstes zwar den Abschied erleichterte aber als letzteres die Weiterreise um einige Stunden Wartezeit erschwerte. Mal wieder in Gedanken die 5 Stunden Abhängen in Savona, einer verregneten, unattraktiven Hafenstadt, wo wir z.B. unter den berechtigt mißtrauischen Blicken der Hausmeisterin vor dem Portal auf den Stufen einer Schule unsere Einkäufe und Teekanne auspackten.
Und wieder nach langer Fahrt eine Ankunft im Tappedusteren in Sperlonga zwischen Rom und Neapel mit der Ungewißheit, ob Joachim + Thomas , die uns wieder vorausgeeilt waren, erfolgreich gewesen und eine akzeptable Unterkunft aufgetan hatten... Über den Akzeptabilitätsgrad mag sich ganz nach Anspruchshaltung diskutieren lassen, aber wollte man die positiven Seiten unseres Domizils hervorheben, so müsste zur Aufzählung dazugehören: nicht regengefährdet, keine Mäuseköttel in den Betten, eine platzsparende Raumausstattung, (da außer dem Notwendigsten Mobiliar + Sanitäranlagen nicht vorhanden) eine praktische pflegeleichte Bekachelung, die im Sommer wohl gut kühl hält, die gelungene Kombination, Gasherd und Heizung zusammenzulegen sowie einer blendenden Belichtung der Wohnung (Fensterausrichtung nach Norden mit von der Decke baumelnden Glühbirnen) die nicht zu stubenhockenden Bummeltagen verführt. Auf jeden Fall waren wir, als wir uns mit den dazugestoßenen Christian + Steffi wieder zu siebt um Mitternacht in der Küche zum Cappuccino trafen, alle froh, ein Dach und bald eine Decke über dem Kopf zu haben.
Die übersichtlichere, unbewaldete, steppenähnliche, weniger zerklüftete Hügellandschaft bei Sperlonga direkt am Meer & Strand fand ich nicht nur aufgrund des einladenden Wetters (mehrheitlich Sonnenschein) ansprechender. Kein Klettertag an den vom Meerwind und Salzwasser scharfkantig geschliffenen, rauhen Kalkfelsen an dem man nicht weiten Ausblick über Küste und Meerhorizont hatte und die türkisen Wellen gegen Klippen und langen Sandstrand brandeten. Unvergeßliches Highlight war vom ganzen Urlaub dann das Klimmen an den 120m steil in's Meer abfallenden Cliffs von Gaeta. Eine Tour, wo vom 1m-breiten Einstieg genau unter der leicht vom Meer unterspülten Kante am Fuße der riesigen Wand kein anderer Weg mehr fort führt als die Flucht voraus bzw. nach oben. Auch wenn ich bei meiner Seilschaft mit Heiko & Joachim sicher in die Mitte genommen im 5a/5b Bereich im Gegensatz zu den anderen 4 noch nicht mal die steilste Tour direkt entlang der Felsnase vor mir hatte, bedurfte es doch 15 Minuten Überredungskünste Verstand gegen Herz, bis ich mich bei diesem Anblick soweit gesammelt hatte, mich bewußt und klaren Verstandes zum Abseilen zu entschließen. Aber meine Mutter war nicht zugegen mich mit einer Enterbung davon abzuhalten, das Wetter konnte besser nicht sein, eine 2. Chance ausgeschlossen und die Zeit zu einer Entscheidung angesichts der Heerscharen, die uns im Nacken saßen und uns später, ähnlich der italienischen Fahrweise, auch wild, chaotisch im Felsen in der Tour überholen sollten. Schon der Abseilakt im Kamin war ein Abenteuer und es zeigte sich das erste Mal, was hier ein Helm Wert war angesichts des Meteoritenhagels der immer wieder auf alles untere herabrieselte und zum Glück an uns vorbeizischte... Außer Steinbergen müßten Taucher aber Schätze vom Meeresgrund bergen können an dieser Stelle, denn allein an diesem Tag sah man einen Chalk-Beutel, eine Schirmmütze schwimmen und hörte man von einem versenkten Fotofilm.
Unten angekommen war ich dann auch wieder ruhiger, die Entscheidung war gefallen, es gab kein zurück mehr, das Ziel war klar und mit meinem Team klappte es reibungslos. Überraschend war noch für Joachim, sich auf einmal unvermittelt aufgrund der Seilführung in der Rolle des Vorsteigers zu sehen und Heiko war als letzter im Nachstieg mit dem Makramee von 3 Seilen und den Überholern mehr beschäftigt als mit dem eigentlichen Klettern. Dank der Aufopferungsbereitschaft meiner beiden Männer konnte ich jedenfalls ungetrübten Kletterspaß erleben.
An unserem einzigen Regentag in Sperlonga nutzten wir die Chance, Kultur wahrzunehmen und verbrachten einen interessanten Tag in Pompeji, einer Ausgrabungsstätte die bei einem Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 verschüttet wurde und gutes Zeugnis von damaliger Lebens- & Bauweise ablegt. Ich muss ja gestehen, dass ich als arroganter Neuzeitmensch fast erstaunt war, wie zivilisiert die alten Römer waren!
Ein Erlebnis war dann noch unser Silvesteressen, das wir trotz ausgezeichneter Koch- & Einkaufskünste nicht in unserer bescheidenen Hütte zelebrieren wollten. Gesagt getan, machten wir uns abends frohgemut spontan auf die Socken und erlebten den ersten Schock bei der Restaurantsuche, als wir von einem Silvestermenü für 65,-€ (ohne Getränke) lasen. Der zweite Schock trat ein, als uns allmählich bewusst wurde, dass wesentlich billiger zu speisen uns an jenem Abend nicht vergönnt sein dürfte, es sei denn, wir fänden uns mit einer Handpizza in der heimischen Küche ab. Nach dem Abklappern bald sämtlicher Lokalitäten der Ortschaft handelten wir schließlich ein 6-Gängemenü mit Getränken für 60,-€ heraus, was dann unter allen herausgeputzten Italienern rechts und links, mit uns selbst im einzigen noch frischen und sauberen Hemd noch total underdressed herausfallendem mittendrin, mit Tanzgelegenheit & Livesängerin und kleinem Feuerwerk auch eine Sehenswürdigkeit war.
Obwohl ich als Erwerbslose noch unterstützt wurde, da mich meine Gruppe nicht 3 Stunden mit Keksen im Auto zurücklassen wollte (Das Wok-Essen habe ich nicht vergessen!), habe ich noch nie zuvor wie in diesem Urlaub Geld für's Essen ausgegeben.
Also, wenn ihr euch im Winter Orangen an den Bäumen, Promenieren unter Dattelpalmen, im Meer Baden, warmen Sonnenschein, der einem an den Felsen schon richtig auf den Pelz brannte, da einem im T-Shirt zu warm wurde, Sonnenuntergänge wie bei Capri, Artischocken auf dem Feld, Wein & Oliven zum Abendbrot oder choccolata calda, sprich Schokoladenpudding, und Mozzarellabaguette zum Frühstück bei Guido (die Kletterkneipe vor Ort), der eigentlich Bruno hieß, eine mediterrane Vegetation mit Feigenkakteen und Zypressen und allem Drumherum vorstellen könnt, dann habt ihr jetzt eine Ahnung davon bekommen, warum Italien einfach in einer ganz anderen Welt war!
Sibylla Röhr
(erschienen im “Höhenrausch” 1/2003)





