Diskussion: “AvalancheBall” versus “Lawinen-Airbag”

E-Mail von: Fournier&Venier [lawinen-ball@aon.at]
Gesendet: Donnerstag, 28. Februar 2002, 21:25
An: dav-panorama@alpenverein.de
Betreff: “Neue Lawinen-Notfallausrüstung im Test”
Wichtigkeit: Hoch

Sehr geehrte DAV-Mitglieder!

Wäre es nicht die Aufgabe der DAV-Sicherheitsforschung vor möglichen Gefahren & Risiken zu warnen und über neue Produkte objektiv, sachlich und kompetent zu informieren? Anlass zur Diskussion gibt der Beitrag von Dieter Stopper “Neue Lawinen-Notfallausrüstung im Test”, Panorama Dez. 2001. Mehr darüber lesen Sie im beigefügten Word.Doc unter: “Durfte Dieter Stopper nicht die Wahrheit schreiben?” Ihre Meinung zu diesem Thema können Sie uns natürlich gerne per Email oder Fax mitteilen. Abschließend wünschen wir noch eine schöne und vor allem sichere Tourensaison!

Wir verbleiben, mit freundlichen Grüßen aus TIROL

Fournier & Venier Innov. Sport- und Sicherheitstechnik
Oberlandweg 12,
A-6414 Mieming / TIROL
Tel./Fax: 0 52 64 / 20 003
e-mail: lawinen-ball@aon.at

Anlage: Word.Doc:
Durfte Dieter Stopper nicht die Wahrheit schreiben?

Anlass zu dieser Frage gibt sein Beitrag “Neue Lawinen-Notfallausrüstung im Test”, Panorama Dez. 2001. Eine Stellungnahme von Fournier & Venier – Avalanche Ball.

Im März 2001 hat das Eidgenössische Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos (SLF) die neueste Lawinennotfallausrüstung (Airbag, Avagear und Avalanche Ball) in einem Großversuch getestet. Herr Stopper hat darüber einen Bericht im Panorama geschrieben und dabei offensichtlich einiges “vergessen müssen”. Das Eid. Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) berichtet zum Versuch: In jedem Fall waren jedoch auch die ABS-Airbags an der Oberfläche der Lawinenablagerungen sichtbar, sieht man einmal von dem defekten Doppelairbag ab (…) einer der beiden 75-l Ballons wurde vom Rucksack gerissen (der Dummy dabei mitsamt dem restlichen Airbag ganz verschüttet). Herr Stopper beschreibt die Situation nach dem Lawinenabgang so: Alle Airbags – “ABS” und “avagear” – waren an der Oberfläche der Lawine sichtbar (…) und erspart somit den Benützern der Airbags eine gewisse Ver(un)sicherung. Wäre es für die DAV-Sicherheitsforschung nicht wesentlich interessanter gewesen herauszufinden, warum dieser Ballon vom Airbagrucksack gerissen wurde, anstatt diesen Vorfall einfach zu verschweigen? Umso mehr, da diese ja nicht zum ersten Mal abgerissen sind und die Versuchslawine das Ausmaß einer ganz normalen Skifahrerlawine hatte. Anstatt einer "gewissenhaften Aufklärung musste offensichtlich im Bericht gleich 2 × darauf hingewiesen werden, dass der heute aktuelle ABS-Doppelairbag ein technisch ausgereiftes Produkt sei! Herr Stopper schreibt auch nicht, dass 3 von 4 Airbags die Ganzverschüttung nicht verhindern konnten und nur mehr die Funktion eines Markierungsmittels hatten. Kopfverschüttungstiefen der Dummies 2 × 50 cm und 1 × 60 cm (Daten SLF-Bericht)! Vergessen werden musste offensichtlich auch, dass nur 1 Airbag-Dummy nicht verschüttet wurde. Interessant ist, dass unmittelbar neben dem Airbag-Dummy noch ein weiterer Dummy im Ablagerungsgebiet 1 lag, welcher ohne Airbag ebenfalls “oben auf” war! (Datenquelle SLF Bericht.) Konnte der Airbag in diesem Versuch die Verschüttung verringern? Beim gegenständlichen Versuch wurden alle Dummies, welche nur mit LVS-Geräten ausgestattet waren, nicht tiefer verschüttet (20 cm, 30 cm und 50 cm) als die 3 ganzverschütteten Dummies mit Airbags (50 cm, 50 cm und 60 cm)! Mit Ausnahme eines LVS-Dummy, der aber trotzdem noch sichtbar war (Datenquelle SLF-Bericht). Sind dies die Gründe, weshalb auch kein Bild veröffentlicht werden durfte, welches die tatsächliche Situation unmittelbar nach dem Stillstand der Lawine gezeigt hätte?

Bergezeiten der Versuchsdummies

Wie auch den aufmerksamen Panorama-Lesern aufgefallen ist, durften auch keine Bergezeiten bekanntgegeben werden, obwohl das Überleben der Lawinenopfer im wesentlichen von der Verschüttungsdauer abhängt! Herr Dr. med. Walter Phleps von der IKAR-Kommission für alpine Notfallmedizin schreibt im Lawinenhandbuch (Herausgeber Land Tirol): Die Überlebenschance eines Lawinenverschütteten hängt wesentlich von der Verschüttungsdauer ab. Bis 15 Minuten nach der Verschüttung beträgt die Überlebenswahrscheinlichkeit ca. 92%, die übrigen Verschütteten sterben in dieser Zeit fast ausschließlich an Verletzungen. Die Grundlage dieser Untersuchungen ist die statistische Auswertung der Unfallprotokolle von 422 ganzverschütteten Personen. Dipl. Ing. Christian Damisch schreibt: Die Verschüttungstiefe scheint nur einen geringen Einfluss auf die Überlebenswahrscheinlichkeit zu haben. Vor allem eine längere Dauer bis zur Auffindung und Bergung erhöht das Risiko. Diese Untersuchung zeigt ganz deutlich, wie wichtig die rasche Bergung eines Lawinenverschütteten ist. Die schnellstmögliche Bergung kann nur durch die Kameraden erfolgen.

Also ist in erster Linie die Verschüttungsdauer – und nicht die Verschüttungstiefe – das PROBLEM! Wenn man bedenkt, dass sich Verschüttete, welche auch nur 30 cm unter der Schneeoberfläche lagen, selbst nicht mehr befreien konnten (auch nicht mit Airbag), sollte bewusst werden, dass es für den Verschütteten keine große Rolle spielt, mit welchem Gerät er verschüttet wird. Entscheidend ist vielmehr die rechtzeitige Ortung und Bergung durch seine Kameraden – binnen 15 Minuten! Kann der Airbag von der Lawine erfasste Personen sicherer “oben halten” als der Zufall?

Eine Studie des SLF besagt: Ein Vergleich mit einem grösseren Datensatz von Lawinenunfällen (ohne Airbag) aus der Region Davos, der ähnlich wie der ABS-Datensatz relativ komplett sein sollte, zeigt, dass der Anteil der Ganzverschütteten unter den Erfassten sich in den beiden Datensätzen nicht (signifikant) unterscheidet (p=0.07)… (Bericht SLF). Demnach wäre der Zufall genauso sicher wie der Airbag. Sollte man nicht aus Fehlern lernen? Warum durfte Dieter Stopper nicht über die bereits bekannten Risiken & Unfälle der Airbags berichten?

Objektiv betrachtet hat auch dieser Versuch wieder gezeigt, dass die Airbags die Verschüttung nicht verhindern konnten (Bericht SLF). Auch mit einem vollständig aufgeblasenen Airbag kann man so tief verschüttet werden, dass man für die Kameraden nicht mehr sichtbar ist.

Berechtigte Frage: Muss man 3 bis 4 kg an Mehrgewicht auf sich nehmen – um für seine Kameraden sichtbar zu bleiben? OBJEKTIV BETRACHTET “NEIN” Denn seit mehr als 2 Jahren gibt es ein neues Sicherheitsprodukt, welches “von Tourengehern für Tourengeher” konzipiert und entwickelt wurde. Diese schon mehrfach ausgezeichnete Innovation nennt sich “Avalanche Ball”. Es ist ein Ortungssystem, das die Zeit bis zur Bergung dramatisch verkürzt. Das System funktioniert mit Federkraft und besteht aus einem lampionartig zusammengefalteten Ball mit einer Seilverbindung zum Körper. Bei der Auslösung wird der Ball aus der Systemtasche katapultiert und in der Lawine durch Eigenauftrieb an der Oberfläche gehalten. Da dieses System anfangs für unseren persönlichen Gebrauch bestimmt war, legten wir grössten Wert auf eine sichere Funktion, eine einfache Handhabung und ein geringes Gewicht. Es galt einen Auftriebskörper zu entwickeln der auf der Tour klein und im Ernstfall blitzschnell groß sein sollte. Nach mehreren Fehlentwicklungen mit Schaumstoffen, Druckluft-Systemen und Gaspatronen bauten wir die ersten Prototypen, welche durch Federkraft einen Ballon erzeugten. Diese neu entwickelte Technik bot ungeahnte Möglichkeiten, welche nicht nur die Grundanforderungen unseres Systems zur Gänze erfüllten, sondern auch den Avalanche Ball so erfolgreich machten.

Sicherheit durch Federkraft bedeutet: autark sein - von Batterien und Gaspatronen - auf Mehrtagestouren im In- und Ausland.

Zudem kann das System auch einfach, kostenlos und jeder Zeit überprüft werden. Es gibt auch keine “leerpatronenbedingten“ Sicherheitslücken, nicht im Ernstfall und auch nicht nach einer unbeabsichtigten Auslösung. Der Avalanche Ball ist ein einfach und intuitiv zu gebrauchendes, sichtbares Ortungsmittel, welches eine problemlose Ortung und Bergung binnen Minuten ermöglicht und dadurch eine hohe Überlebenswahrscheinlichkeit bieten kann. Unter der Aufsicht der Universität Innsbruck zeigte ein Lawinenversuch in Tirol, dass 2 Kameraden für die Ortung und Bergung von 3 ganzverschütteten Dummies (25 cm, 40 cm und 50 cm) mit Hilfe des Avalanche Balls weniger als 3 Minuten benötigten!

Warum wurde eigentlich eine sichtbare Ortungshilfe entwickelt und kein neues System, welches die Verschüttung verhindern soll? Weil sich bereits schon 1994/95 in Lawinenversuchen bzw. -unfällen zeigte, dass eine Ganzverschüttung auch mit dem Airbag nie ausgeschlossen werden kann (schon damals wurden 40% ganzverschüttet). Die meisten Lawinenopfer werden zudem auch nicht allzu tief verschüttet (3/4 der Lawinenopfer liegen bis zu 1 Meter tief).

Im Ernstfall dauert die Ortung durch die Kameraden mit einem LVS-Gerät/Piepser oft viel zu lange (die durchschnittliche Verschüttungsdauer bis zur Bergung beträgt 40 Minuten). Im Gegensatz dazu konnten sich die Kameraden anhand zufällig sichtbarer Teile am schnellsten orientierten und dadurch die meisten Lawinenopfer lebend bergen. Die durchschnittliche Verschüttungsdauer aller von Kameraden durch sichtbare Teile geborgenen ganz verschütteten Personen beträgt nur 10 Minuten!

Durch eine schnelle Ortung und Bergung könnten immerhin ca. 92% der Ganzverschütteten lebend geborgen werden. Und außerdem ist nicht die Verschüttungstiefe – sondern die Verschüttungsdauer – das Problem! (729 Ganzverschüttete von 1980 bis 1999 in der Schweiz; Datenquelle: Publikationen Falk et al., Brugger et al, 1997 und Tschirky, Brabec, Kern.)

Informiert die DAV-Sicherheitsforschung objektiv, sachlich und kompetent über Neuprodukte? (…)

Kompetent? Allerdings ist der “avalanche ball” eine optische Suchhilfe und kann die Verschüttungstiefe des Opfers nicht verringern. Dass eine optische Suchhilfe die Verschüttungstiefe nicht verringern kann, ist sicherlich eine interessante wissenschaftliche Erkenntnis der DAV-Sicherheitsforschung, aber wie die Statistik zeigt nicht unbedingt notwendig und auch nicht die Aufgabe des Avalanche Balls. Kleiner Irrtum? Den lampionförmigen Ball – Durchmesser 60 Zentimeter – verbindet eine sechs Meter lange Schnur mit dem Hüftgurt des Rucksacks. Da es die Aufgabe des Avalanche Balls ist Leben zu retten und nicht Rucksäcke zu finden, kann die Verbindungsleine nur direkt mit dem System-Bauchgurt des Benützers und nicht mit dem Hüftgurt des Rucksacks verbunden sein.

Sachlich? Problematisch ist auch, dass die Schnur nicht immer in gerader Linie zum Opfer führt. Eine genaue Lokalisierung des Verschütteten wird dann deutlich schwieriger und kostet wertvolle Zeit. Frage: Wieviel wertvolle Zeit würde wohl vergehen, wenn kein sichtbarer Teil an der Oberfläche der Lawine liegt? Interessant ist, dass Herr Stopper vor der Besprechung der Ergebnisse geschrieben hat: Die Ortung der zwei Dummys mit dem “avalanche ball” war problemlos, da die Bälle weithin an der Oberfläche sichtbar waren. Bei dem Versuch führte die Schnur direkt zu den Verschütteten. Zur Information: Alle durchgeführten Lawinenversuche haben gezeigt, dass die Verbindungsleine immer in gerader Linie zum Verschütteten führte! Sollte dies aber einmal nicht der Fall sein, stellt das sicherlich kein Problem dar. Als Leiter der Sicherheitsabteilung müsste Herr Stopper doch erkannt haben, dass der gewählte Durchmesser der Verbindungsleine (4 mm) sehr wohl ein Herausziehen bzw. Herausreißen aus dem Schnee zuläßt (Testergebnisse). Interessant wäre natürlich, durch welche “Eingabe” Herr Stopper zu dieser “Behauptung” gekommen ist – oder musste er – einem einfachen und logischen System nur etwas Kompliziertes anhaften?

Objektiv? Wann helfen ABS, “avagear” und “avalanche ball” nicht? Die neuen Geräte funktionieren nur in einer fließenden Lawine! Liegt der Erfasste im Staubereich einer Lawine, kann er mitsamt dem Rettungsgerät durch nachrutschenden Schnee verschüttet werden. Dass der Airbag hier keinen Schutz bietet, ist seit dem Unfall in Südtirol hinlänglich bekannt. Im Gegensatz zum Airbag haben aber die Lawinenversuche mit dem Avalanche Ball gezeigt, dass dieser aufgrund seiner “Bewegungsfreiheit” (=Verbindungsleine!) von Sekundärlawinen und nachfließenden Schneemengen nicht verschüttet wurde.

Fazit: Von der DAV-Sicherheitsforschung sollte man voraussetzten können, dass die Nachteile des Airbags nicht auf ein anderes System mit einem völlig anderen Wirkungsprinzip übertragen werden.

Übersicht der im Versuch getesteten Systeme:

System Preis (€) Gewicht Folgekosten je Auslösung/Überprüfung (€)
Airbag 630,- bis 695,- 3–4 kg 1 (Fehl-) Auslösung 84,-; Überprüfung 55,-
Avagear Prototyp Prototyp Prototyp
Avalanche Ball 199,- 0,9 kg keine Kosten – Funktion rein mechanisch
LVS-Geräte 280,- bis 300,- (digital) 0,3 kg Batteriekosten

Unmittelbar nach dem Lawinenversuch in der Schweiz veröffentlichte DS auf der DAV-Homepage (www.alpenverein.de) folgenden Text:

Sicherheitsforschung 22.03.2001: Lawinennotfallausrüstung auf dem Prüfstand (…) Die Dummies mit ABS-Rucksack und Avagear-Westen waren die größten Partikel in der Lawine und fast alle an der Oberfläche der Lawine sichtbar – mit Ausnahme eines ABS-Dummy, der einschließlich Airbag verschüttet war. Schnell und unkompliziert konnten ebenfalls die Dummies mit den Avalanche-Bällen geborgen werden. (…) Auf dem Sektor Lawinennotfallausrüstung tut sich viel. Fakt ist: Eine professionelle Lawinenausrüstung erhöht lediglich die Überlebenschance in einem lebensgefährlichen Notfall. Das wichtigste Instrument ist eine geeignete Strategie zur Lawinenvermeidung, z.B. mit der SnowCard. Absolute Sicherheit unterwegs auf Tour kann und wird es niemals geben. Die endgültige Auswertung des künstlichen Lawinenabgangs wird innerhalb der nächste drei Wochen auf der DAV-Homepage unter der Rubrik “Sicherheit” veröffentlicht. DS

Aufgrund dieser Veröffentlichung glauben wir, dass DS auch Monate später im Panorama gerne die Wahrheit geschrieben hätte. Schon wenige Tage nach der Veröffentlichung verschwand diese Seite wieder von der DAV-Homepage. Zurückgeblieben ist jedoch die Frage? Durfte Dieter Stopper nicht die Wahrheit schreiben?

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