Das Alpenmurmeltier
Das Murmeltier ist wohl das bekannteste Tier im alpinen Raum. Jeder, der in den Bergen unterwegs ist, hat sicher schon mal den schrillen Pfiff gehört, mit dem die Tiere vor Eindringlingen warnen. Aber eigentlich weiß man wenig über sein Verhalten, weil sich ein großer Teil seines Lebens unter der Erde abspielt.
Das Alpen-Murmeltier ist ein Säugetier, das zu der Familie der Hörnchen gehört wie das Eichhörnchen und das Ziesel, ein dem Eichhörnchen ähnliches Nagetier. Das Murmeltier misst von der Nase bis zur Schwanzwurzel zwischen 47 und 57 cm. Sein
Gewicht, das großen Schwankungen unterworfen ist, erreicht im September maximal 4,5 bis 6 kg. Der Schwanz ist 17 bis 22 cm lang. Sein dicker
Pelz kann farblich variieren: Im Allgemeinen ist der Kopf grau, wobei der vordere Teil der Nase heller ist; die Schultern und der Rücken sind von gräulichem Braun, die Seiten und die Unterseite des Körpers sind von gleicher Farbe, aber bleicher; der Schwanz ist braun mit einem schwarzen Ende.
Das Nagetier besitzt an den Wangen eine Drüse, die die Identifikation von Artgenossen und die Markierung des Territoriums ermöglicht. Wenn das Murmeltier unruhig ist oder erschreckt
wird, stößt es einen hellen Laut aus, eine Art schrillen Schrei, der vom menschlichen Ohr über mehr als einen Kilometer Distanz wahrgenommen wird. Dank den seitlich liegenden Augen hat das Tier ein fast kreisrundes Gesichtsfeld, womit es sein Territorium überwachen kann, ohne den Kopf drehen zu müssen. Sein Sehvermögen ist gut.

Nach dem Winterschlaf im April haben Murmeltiere nur noch 30-50% ihres Herbstgewichtes:
Lebensraum
Die Murmeltiere bewohnen Geröll- und Graslandschaften im alpinen Raum, im Allgemeinen oberhalb der Waldgrenze und auf der Sonnseite. Sie leben in mehr oder weniger
großen Gruppen auf einer Höhe zwischen 1500 und 2500 m. Jede dieser Kolonien besteht aus mehreren Familien, die in einer Gemeinschaft leben und mehrere Baue besitzen. Abgesehen von ihren Streifzügen im Frühling halten sich die Nagetiere fast immer in einem Umkreis von weniger als 100 m bei ihrem Bau auf. Letzterer schützt die Tiere während des Sommers vor Feinden und vor der Witterung und während des
sechsmonatigen Winterschlafs vor der Kälte.
Der Bau besteht aus einem 5 bis 10 m langen Hauptgang von 15 bis 20 cm Durchmesser mit verschiedenen Kammern, deren Böden mit Heu bedeckt sind, und mehreren Nebengängen. Er kann bis zu drei Metern in die Tiefe reichen. Weitere kleinere Baue dienen als eine Art Fluchtlöcher oder -röhren sowie für den Wechsel an einen anderen Ort. Am Eingang des Baus bildet die ausgehobene und festgestampfte Erde eine
vegetationslose Terrasse. Die Nagetiere halten sich oft an diesem Ort auf, um ihr Territorium zu überwachen oder
Siesta zu halten.
Das Murmeltier bewohnt den ganzen Alpenbogen, vom Südosten Frankreichs bis nach Niederösterreich und weiter bis zur Hohen Tatra; es wurde ferner in den Pyrenäen, im französischen Zentral-massiv, im Jura, in den Vogesen, den Slowenischen Alpen sowie den Karpaten durch Aussetzungen eingeführt. Die Bestände variieren zwischen 30 (Gran Paradiso) und 80 (Tessin) Tieren pro Quadratkilometer.
Ernährung und Verhalten
Das Murmeltier ernährt sich in erster Linie von Pflanzen, aber es frisst auch Insekten Käfer und Heuschrecken , Larven, Regenwürmer und Vogeleier. Besonders gern mag es Schwingel, Klee, Ampfer, Nesseln, Krokus und Glockenblumen sowie Korb- und Doldenblütler; mit seinen Vorderpfoten kann es gewisse Pflanzen sehr geschickt zerpflücken. Das Murmeltier frisst alle Pflanzenteile, also Stängel, Blätter, Knospen, Blumen, Samen, Früchte, Wurzeln und Knollen. Es scheint nicht zu trinken und legt in seinem Bau keine Vorräte an.
Das Murmeltier ist ausgesprochen wachsam, vorsichtig, um nicht zu sagen schlau. Wenn es in seiner typischen aufrechten Position steht, ruht es auf den
Hinterpfoten, der Schwanz ist auf dem Boden ausgestreckt, während die Vorderpfoten vor der Brust
hinunter hängen. Diese Stellung nimmt das Nagetier ein, um zu fressen und sein Territorium zu überwachen, aber auch im Alarmzustand. In diesem Fall kann es von der beschriebenen ruhenden Stellung zum "Männchen" übergehen, indem es sich auf den Hinterpfoten ausstreckt.
Alarm! - aufrechte Position
mit ausgestreckten Hinterpfoten:

Wenn sich Murmeltiere begegnen, dann
begrüßen sie sich, indem sie die Nasen und die Wangen aneinander reiben, um sich zu erkennen; offenbar verleiht die Wangendrüse jedem Tier seinen eigenen Duft. Die Murmeltiere kratzen und putzen sich und schätzen auch die gegenseitige "Toilette". An
freundschaftlichen Kämpfen beteiligen sich sowohl junge wie alte Tiere: Die Protagonisten stehen sich dabei aufrecht gegenüber und
stoßen sich, wobei sie sich mit den Vorderpfoten halten. Manchmal strecken sich die Tiere mit nach hinten geworfenem Kopf und offenem Mund und verharren einen Augenblick lang in dieser Position. Murmeltiere sind ziemlich aggressiv, und ihre Spiele arten ab und zu in wahre
Kämpfe aus. Bisse, die gut sichtbare Narben hinterlassen, sind dabei nicht selten.
Feinde
Die gefährlichsten Feinde sind Adler und
Fuchs. Für die Adler bilden die Murmeltiere im Sommer die Basis ihrer Ernährung; in gewissen Gebieten sind über 70% ihrer Beute Murmeltiere. Der Fuchs dagegen jagt das Murmeltier mit Vorliebe im Frühling, wenn sich das Nagetier auf der Suche nach Nahrung von seinem Bau entfernt. Ab und zu erbeuten auch Marder, Kolkraben oder Uhus junge Murmeltiere.
Winterschlaf
Der Winterschlaf des Murmeltiers ist physiologisch gesehen
äußerst interessant. Im September, wenn die Nagetiere ihr Maximalgewicht erreichen, häufen sie auf dem Grund des Winterbaus
große Mengen Heu für ein Nest an. Eine einzige Familie kann dabei über zwölf Kilo trockenes Gras einbringen! Dieses Heu, das nur als Streu dient, wird niemals gefressen. Murmeltiere aus mehreren Bauen kommen dann zusammen, schmiegen sich aneinander und kugeln sich eng zusammen.
Das Murmeltier im Winterschlaf bewegt sich nicht und fühlt sich steif und gefühllos an. Seine Körpertemperatur, die normalerweise 39 Grad Celsius beträgt, passt sich der
Umgebungstemperatur im Bau an, wobei sie ein bis zwei Grad darüber liegt. Murmeltiere im Winterschlaf sind also vollständig unterkühlt und weisen eine Temperatur von
unter 10 Grad Celsius auf! Das Tier atmet nur noch ein- bis zweimal pro Minute, und die Zahl der Herzschläge geht von normalerweise 200 auf ca. 30 pro Minute zurück. Dadurch reduziert sich der Kalorienverbrauch für den Grundumsatz auf ein Zehntel, und die Fettreserve von rund 1200 Gramm reicht, um den ganzen Winter zu überleben.
(Quelle: SAC - Die Alpen, Dezember 2000)