Beurteilung der Lawinengefahr nach Werner Munters 3×3 Lawinen
Eine Revolution in der Lawinenkunde, viel Diskussionsstoff, zumindest aber eine neue Methode zur Beurteilung der Lawinengefahr wurde vor drei Jahren in dem Buch “3×3 Lawinen – Entscheiden in kritischen Situationen” von Werner Munter als Ergebnis seiner langjährigen wissenschaftlichen Arbeit und praktischen Erfahrungen auf Skitouren bei der Beurteilung von Lawinensituationen veröffentlicht.In seinem Buch räumt er zunächst mit weit verbreiteten Irrtümern über Skifahrerlawinen auf, die seine Untersuchungen ergeben haben (worauf hier nicht weiter eingegangen werden soll) und leitet dann ein grundsätzliches theoretisches Umdenken in der Bewertung von Lawinengefahr ein:
Die bisherige klassische Methode zur Beurteilung der Lawinengefahr beruht auf einer begrenzten Zahl von Untersuchungen der Schneedecke. Ramm- und Schichtprofile sollen Aussagen über die Festigkeit der Schneedecke und die Gefahr der Entstehung von Lawinen ermöglichen. Mittels Extrapolation der Ergebnisse sowie unter Hinzuziehung langjähriger Erfahrungen und der aktuellen Wetterprognose wird der Lawinenlagebericht für ein bestimmtes Gebiet erstellt. Dabei gibt es eine Reihe von Problemen, auf die Munter nun aufmerksam gemacht hat.
Seine Untersuchungen haben gezeigt, daß die Schneebeschaffenheit von Ort zu Ort und vor allem auch innerhalb ein und desselben Hanges stark variieren kann, so daß man die bei örtlichen Schneeuntersuchungen vorgefunden Verhältnisse nicht auf ein größeres Gebiet gleicher Exposition übertragen kann. Zentral ist für ihn die Tatsache, daß eine sichere Aussage über das Gefährdungspotential eines konkreten Hanges grundsätzlich nicht möglich ist. Die Schneedecke ist nicht homogen sondern weist Diskontinuitäten und Superschwachzonen auf. Die Scherfestigkeit des Schnees als entscheidende Größe für die Beurteilung der Gefahr ist somit im jeweiligen Hang weder konstant noch von Punkt zu Punkt extrapolierbar. Auch mit einer endlichen Zahl von Rutschkeilen und Schneeprofilen lassen sich die entscheidenden Schwachzonen nicht herausfinden, sondern lassen nur eine Aussage für die untersuchte Stelle zu. Somit versagt an dieser Stelle die klassische Methode.
Gefragt sind also Strategien im Umgang mit unsicherem Wissen. Diese subjektive Risikoabwägung für den einzelnen Hang ist das Wesen von Munters 3×3-Formel. Sie soll ein Hilfsmittel sein, um trotz der genannten Probleme eine einigermaßen rationale Tourenplanung zu ermöglichen dar. Die Formel 3×3 stellt dabei ein mehrdimensionales Filtersystem für alle mit der beabsichtigten Tour verbundenen Informationen dar. Dabei werden auf drei Ebenen regional, lokal und zonal die Verhältnisse (Wetter und Schnee), das Gelände und der subjektive Faktor Mensch beurteilt.
Schema 1
Wenn die Anwendung des Filters ein positives Ergebnis gebracht hat, dann kann man dieses noch mit der Reduktionsmethode überprüfen, welche im Prinzip darin besteht, daß man bei einem bestimmten Gefahrenpotenzial Vorsichtsmaßnahmen ergreift, z.B. den Verzicht auf bestimmte Hangneigungen oder Expositionen. Wenn das nicht möglich ist, dann sollte man auf die Tour verzichten. Die Reduktionsmethode ersetzt keinesfalls die klassische Beurteilung der Lawinensituation, weder bei der Planung einer Skitour noch vor Ort. Sie kann aber als wirksames Kontrollinstrument eingesetzt werden.
Schema 2
Tipps zu lokalen Lawinengefahren
- Über 10 cm Neuschnee innerhalb von 3 Tagen
- Neuschnee und heftiger Wind (Windverfrachtung, Triebschneetaschen)
- Hänge ab 35°: Diese niemals gleichzeitig befahren/begehen; Mindestabstand bei Querungen und beim Aufstieg 15 m, bei der Abfahrt 50 m!
- Ost- bis Nordwestexpositionen
- Starke Durchfeuchtung der Schneedecke
- Feucht-warmes Klima bei Neuschneefall gefolgt von plötzlicher Abkühlung (Reifschichten, Harschschichten)
- Schneerutsche auch kleinste in bestimmten Hangexpositionen (Ständig das Gelände beobachten!)
- Vibrationen und Risse im Schnee (Achtung: Bei Wumm-Geräusch und Schwingen der Schneedecke besteht Alarmstufe rot!)
- Minischneebrettauslösung während der Spitzkehren am Hang
- Triebschnee beim Stocktest: Schöne Kristalle kommen beim Herausziehen auf dem Teller zum Vorschein!
- Andere Tourengeher / Skifahrer / Snowboardfahrer
- Felsdurchsetzte Hänge (sind meist über 39° steil)
- Seitenwände von Steilrinnen und Mulden
- Angewehte Schneekeile unter Wächten
- Fußbereich einer Felswand (Übergangsbereich zum Hang)
- Übergang vom Kamm bzw. vom Bergrücken in den Steilhang
- Unterer Teil von horizontal verlaufenden Buckeln bzw. von horizontal-konvexem Geländeprofil (Spannungszone!)
- Einzelstehende Bäume oderFelsblöcke
- Vermuteter Grasuntergrund an sonnenbestrahlten Firnhängen (Grundlawinenauslösung)
Gelände zur guten Spuranlage
- Über konvexe Geländeformen (Kämme, Rücken, Rippen)
- An Luvseiten von Wächten
- Über bereits entspannte Hänge durch Fischmäuler (Risse im Schnee bis zum Boden) oder über zuvor abgegangene Lawinenkegel
- Notwendige Querungen weit oben vornehmen (aber nicht direkt unter einer Felswand)
- Im Gelände mit weggeblasenem Schnee (notfalls auch über Steine kratzen)
Bei der Spuranlage vermeiden
- Lange Hangquerungen
- Steile Schattenhänge
- Querungen im Felsfußbereich
- Triebschneegefüllte Rinnen und Mulden
Vorhandene Spuren
- Grundsätzlich wie eine neuangelegte Spur betrachten
- Nur dann nutzen, wenn alle Kriterien zur Sicherheit erfüllt sind
- Spuren von Profis nutzen (einheimische Bergführer und Tourengeher legen die Spur in der Regel optimal an)
Abfahrt
- Bei Stufe 3 möglichst entlang der Aufstiegsspur oder
- Über einen vielbefahrenen Hang (hier besteht Schneedeckenstabilisierung)
Gerade neu erschienen ist das Lehrbuch “Lawinengefahr. Schneebretter: Risiken erkennen-Entscheidungen treffen.” Mit 100 Praxis-Tipps von Michael Hoffman im BLV-Verlag (siehe auch Beitrag im DAV Panorama 6/2000 S.80)
Wertvolle Infos zu diesem Thema und anderen enthält in kompakter Form der Bergsteiger-Tourentaschenkalender 2001 vom Bruckmann Verlag
Torsten Schäfer